"Im Land der Sprache" von Elisabeth Müllner

Blogbeitrag zum Forum von ZADIG-WIEN mit dem Titel "WIR ALLE SIND EXILANTEN" am 6.4.2019

 

Beim ersten Lesen des Titels Wir alle sind Exilanten spürte ich in mir eine gewisse Reserviertheit. Es schien mir als unzulässige Gleichmacherei: ich, die an den Privilegien eines reichen europäischen Landes teilhat, im gleichen Boot mit Menschen, die Haus und Habe zurückgelassen und sich in einer fremden Kultur und Sprache zu finden haben?

 

Meiner Erinnerung nach war ich kein Kind, das viel gefragt hat. Ein paar rare Momente sind mir erinnerlich, in denen ich Fragen an meine Eltern stellte. Die Antworten waren keine, die mein Fragen gefördert hätten. Ich entwickelte mich zu jemanden, die anscheinend ohne Fragen auskam. Es blieb allerdings nicht beim „Fragetabu“ stehen. Weitere Kreise wurden gezogen. Mit der Zeit schien es mir auch erstrebenswert, überhaupt wenig Worte zu gebrauchen. Nicht, dass es mich gestört hätte, wenn jemand anderer gern redete, aber ich selbst kultivierte ein eher anorektisches Verhältnis zum Reden. Ich zahlte dafür durchaus einen Preis. Redeübungen brachten mich zum Schwitzen, Smalltalk-Situation erzeugten das Gefühl, auf glühenden Kohlen zu sitzen, Erkundigungen bei Ämtern einzuholen erforderten einen hohen Energieaufwand, die Frage nach einer Straße vermied ich und irrte stattdessen umher. Allgemein gesagt trachtete ich danach, neuen Situationen möglichst aus dem Weg zu gehen, nur ja im Vertrauten, im Unausgesprochenen bleiben zu können. Dies war meine subjektive Antwort auf die Tatsache, ein Sprechwesen zu sein.

 

Mein Stolpern und Straucheln im Land der Sprache weist jedoch über singuläre Widrigkeiten und Entscheidungen hinaus. Was ein lebendiges Wesen zum Menschen macht, ist der Eintritt in die Sprache. Diese ist immer schon vor ihm da. Er ist schon ein Gesprochener, bevor er in die Welt kommt, etwa in der Fantasie und in den Erwartungen seiner Eltern. Die Sprache trifft ihn, sie knallt in sein Ohr, prallt auf seine Haut und dringt in seinen Körper. Menschen gehen sehr verschieden mit dieser Tatsache um. Manche entwickeln – ganz anders als ich – ein Liebesverhältnis zum Sprechen, das in ein überbordendes Reden münden kann. Unabhängig davon, wie die subjektive Haltung aussieht, der Eintritt in die Welt der Sprache ist immer mit einem Verlust verbunden. Es lässt sich nie alles sagen, irgendetwas entwischt trotz aller Bemühungen, etwas lässt sich durch Reden nie exakt repräsentieren und abdecken. Immer wieder haben wir es auf uns zu nehmen, sich und dem anderen durch Sprechen zu begegnen – und ein gewisses Scheitern ist stets mit dabei.

 

Von Patienten höre ich des Öfteren den Wunsch, wortlos verstanden zu werden; oder die Klage, warum man dies dem andern noch sage müsse. Würde er mich lieben, wüsste er, was ich will, ohne es sagen zu müssen. Jedoch kein Instinkt stellt sicher, dass der andere von mir oder über mich wissen könnte. Für das menschliche Wesen geht sich das nie aus. Wir Menschen sind von vornherein aus einer derartigen Welt ausgeschlossen. Es liegt an uns, immer wieder die mehr oder weniger große Mühe des Sprechens auf uns nehmen. Und dies gelingt nie vollkommen. Hat man das einmal akzeptiert, wird es leichter.

 

Inzwischen habe ich durch meine Analyse einen weiten Weg in meinem Exil zurückgelegt. Und es erstaunt mich selbst manchmal, dass es mir mittlerweile Vergnügen bereitet, vor allen Dingen in fremden Ländern, nach Straßen, Bussen, Restaurants und allem Möglichen zu fragen.

 

 

Elisabeth Müllner

Psychoanalytikerin

im Neuen Lacan´schen Feld Österreich

 

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Kommentare: 5
  • #1

    Maria-Theresia (Montag, 03 Dezember 2018 20:12)

    Toller Beitrag!

  • #2

    Mathias Patloch (Montag, 03 Dezember 2018 20:49)

    Danke für dieses schreiben, Beim lesen habe ich daran gedacht, dass die Sprache etwas ist das zwischen den Menschen liegt, wie ein Hindernis.

  • #3

    Karin Brunner (Montag, 03 Dezember 2018 22:53)

    Etwas bestimmt unseren Stil zu leben, zu Sprechen, zu Lieben.
    Danke liebe Elisabeth Müllner für die Beschreibung deines persönlichen Weges im Exil. Deine Arbeit nimmt eine anregende und humorvolle Richtung.

  • #4

    Maja Geiling (Donnerstag, 06 Dezember 2018 23:33)

    Interessant finde ich das der Akt der Sprechens immer eine Ungewissheit offen lässt was beim Empfänger ankommt oder nicht. Ein richtiges Abenteuer dieses Land der Sprache :)
    Vielen Dank für den inspirierenden Beitrag!

  • #5

    christian kohner-kahler (Samstag, 08 Dezember 2018 13:57)

    dein intimer bezug zum tabu "der frage/zu fragen" verknüpft für mich etwas mit andreas beitrag zum kopftuch, wo das begehren einer "eigenen frage" etwas im herrendiskurs in unruhe versetzt, sofern sie etwas berührt, was dieser verschweigen will.
    ckk