"Das Exil der kargen Worte" von Andreas Steininger

Blogbeitrag zum Forum von ZADIG-WIEN mit dem Titel "WIR ALLE SIND EXILANTEN" am 6.4.2019

 

Ich habe Frauen mit Kopftuch immer mit einem Begehren angesehen. Das ist mir selbstverständlich, ich wüsste nicht, wie ich anders schauen könnte. Als ich klein war, hat meine Urgroßmutter immer eins getragen. Gebunden, so wie es eben die alten Weiblein taten, wenn sie zur Frühmesse marschierten und in schwarz. Meine Großmutter hatte es genauso gebunden, aber es war nicht schwarz, sondern hatte meistens irgendein Rosenmuster. Meine Mutter trug nur hin und wieder ein Kopftuch. Das war allerdings was Besonderes. Da war immer etwas Raffiniertes dabei, ein bisschen wie bei Audrey Hepburn. Bei der Arbeit band sie es manchmal hinten im Nacken, so wie ich mir heute rumänische Bäuerinnen vorstelle. Und wenn sie die Zimmer ausmalte, dann hatte ihr Kopftuch einen Piratenlook. Manchmal sah man mehr Haare, manchmal weniger.

 

Seit nun in jüngerer Zeit auf unseren Straßen und in öffentlichen Verkehrsmitteln Frauen mit Kopftuch wieder zunehmen, schaue ich sie mir genauso an. Man könnte sogar sagen, ich gaffte sie an. Ich suchte nach Details, die mir einen Kick gaben und wende mich angewidert von irgendwelchen Details ab, die mir so gar nicht sexy erschienen. Und in meiner Phantasie male ich mir Geschichten aus, woher diese Frauen kommen, was ihre Tätigkeiten sind und selbstverständlich auch, wie es wäre mit ihnen Sex zu haben. Da ist alles möglich, von einer Prinzessin aus tausendundeiner Nacht bis hin zu einem kotzhässlichen Trampel, wo ich mir nicht vorstellen könnte, wie ich einen hochbekommen könnte.

 

Schaust du genau hin, so ist jedes Kopftuch anders, anders gebunden, mit oder ohne sichtbare Haare, ein einmaliger Rahmen fürs Gesicht. Eine unendliche Palette, durch die sich meine Begehren mit einem Reichtum an Worten durchwühlt. Da gibt es die, zumindest ist das meine Phantasie, die mit ihrem Kopftuch mehr zeigen wollen als verbergen und die, die mehr verbergen wollen als zeigen, und sich das von einer Uniformität versprechen. Meinem Begehren entkommt aber keine. Und selbst, wenn sie darauf bedacht sind, wenig Persönliches in ihr Kopftuch und wie sie es tragen, hineinzulegen, suche ich genau danach.

 

Für mich ist ein Kopftuch nicht einen Moment lang ein religiöses Symbol. Und wenn ich dann manchmal auf Menschen treffe, die Frauen mit Kopftuch abschätzig anschauen oder sich pauschal abfällig über die Kopftuchfrauen äußern, denke ich mir oft, welch eine karge und verarmte seelische Landschaft da eigentlich dahinterstecken muss, wenn man sich für die eigene Wahrnehmung keiner reichhaltigeren Sprache mehr bedient. Eine karge Wortwahl, die mir nicht mehr erlaubt, aus der Fülle meines Sprachschatzes zu schöpfen, ist auch ein Exil.

 

Die Frau gibt es nicht, sagt Lacan, und er meint damit es gibt keine Kategorie, unter die man Frauen einordnen und zusammenfassen könnte. Jede ist für sich, in den Genuss kommst du aber nur, wenn du genauer und abseits irgendwelcher populistischen Unvoreingenommenheiten hinschaust.

 

 

Andreas Steininger

Psychoanalytiker

im Neuen Lacan´schen Feld Österreich

 

The exile of barren words

 

I've always looked at women with headscarves with a desire. That is self-evident to me, I wouldn't know how I could look differently. When I was little, my great-grandmother always wore one. Bound, just like the old women did when they marched to the early mass and in black. My grandmother had bound it the same way, but it wasn't black, but usually had a rose pattern. My mother only wore a headscarf from time to time. But that was something special. There was always something subtle about it, a bit like Audrey Hepburn. At work she sometimes tied it in the back of her neck, just like I imagine Romanian farmers' wives today. And when she painted the rooms, her headscarf had a pirate look. Sometimes you saw more hair, sometimes less.

 

Since there are more women with headscarves on our streets and in public transport in recent times, I look at them the same way. You could even say I gape at them. I search for details that give me a kick and turn away disgusted from any details that don't seem sexy to me. And in my imagination I invent stories about where these women come from, what their activities are and of course what it would be like to have sex with them. Anything is possible, from a princess from a thousand and one nights to an ugly lump.

 

If you look closely, each headscarf is different, bound differently, with or without visible hair, a unique frame for the face. An infinite palette through which my desires rummage with a wealth of words. There are those, at least that's my fantasy, who want to show more than hide with their headscarf, and those who want to hide more than show, and who hope for uniformity. But none escapes my desire. And even when they are anxious to put little personal stuff into their headscarves and how they wear it, I look for it.

 

For me, a headscarf is not a religious symbol for a moment. And when I then sometimes meet people who look at women with headscarves disparagingly or express themselves disparagingly about the headscarf women, I often think what a barren and impoverished mental landscape must actually be behind it if one no longer uses a richer language for one's own perception. A meagre choice of words that no longer allows me to draw from the abundance of my vocabulary is also an exile.

 

There is no woman, says Lacan, and he means there is no category under which women could be classified and summarised. Each one is for herself, but you can only enjoy her if you look more closely and apart from any populist impartiality.

 

 

 

Andreas STEININGER

 

Psychoanalyst in the New Lacanian Field Austria - Initiative-Vienna

 

 

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