"Return to sender – Briefe aus dem inneren Exil" von Christian Kohner-Kahler

Dieser Text ist das Resultat einer Serie von vier ihm vorangegangenen. Keineswegs war er intendiert, am Ende aber notwendig, denn das Schreiben hatte den unerwarteten Effekt, meiner Not eine Wendung zu geben. Ich versuche hier etwas zu formulieren, was ich eine Erfahrung nenne, eine, die mir im Prozess der Textproduktion für den Blog widerfahren ist. Eine Erfahrung, die mich überrascht hat, letztlich hat sie mich berührt, in einer Weise, die dem Schmerz näher war als der Freude, einen „guten“ Texte geschrieben zu haben. Mein Schreiben hat mir etwas zurückgegeben, indem es mir etwas von meinem Wesen zeigte, das mir zwar keineswegs fremd war, jedoch war dieses Wissen ohne Substanz geblieben. Für diese Rückgabe brauchte es aber zuerst einen anderen, einen kommentierenden Leser, der mich auf eine von mir vergessene Spur aufmerksam gemacht hatte.

 

Beim Schreiben der Blogbeiträge für das Forum konnte der Titel des Forums wie ein blinder Passagier in mir Platz nehmen, er arbeitete an einer Verknüpfung eines bis dahin leeren Wissens mit meinem Körper.

 

Ich schrieb also vier Texte, doch erst der letzte von ihnen gab mir mich zurück. Etwas von dem, das nachträglich in Spuren, Bruchstücken aber auch Hinweisen in den vorangegangenen längst da war, sicherlich etwas verdeckter. Ein Stück Post war wieder an mich returniert worden, ich hatte es mir gewissermaßen selbst geschickt. Doch für den Erhalt meines Pakets gab es nur ein mögliches Transportmittel und dieses heißt Fehlleistung. Ich schrieb zwar vier Texte, doch für den Effekt des vierten brauchte es einen fünften, quasi einen Appendix, keine literarische Form, bloß ein Mail aus gerade mal zwei Sätzen. Geschrieben am Vormittag, ehe ich abends „Opfer im Ruhestand“, den letzten meiner vier Blogbeiträge, schrieb. Ein Text, der sich explizit den brutalen Verhältnissen meiner ersten klinischen Erfahrungen in den 90er Jahren widmet. Verhältnisse, gegen die ich, wie ich dachte, permanent ankämpfte und sie doch bloß weiter etablierte.

 

Dieser Appendix war nicht mehr als ein Antwortmail, meine verärgerte Bestätigung einer kollegialen Empörung über eine weitere geplante Maßnahme dieser unsäglich unmenschlichen Regierung. Ein paar Tage später fragte mich ein Kollege nach einer Not, die er aus meinem Versuch, sie schreibend im Blog-Text konstruktiv zu lindern, herauslas. Aber nur in Verbindung mit dem Mail vom Vormittag sei davon etwas lesbar. Ich hatte keine Ahnung wovon er sprach. Zwar wusste ich sehr wohl, dass ich dieses Mail geschrieben hatte, auch dass ich darin meiner Wut gegenüber der Regierung Ausdruck verliehen hatte, doch hatte ich jegliche Erinnerung verloren, was denn nun eigentlich die geplante Maßnahme gewesen war, über die sich ein Psychoanalytiker aus unserem Feld per Mail empört hatte. Ich erzählte auch in meiner Analyse davon, konnte darüber aber nicht mehr sagen als „irgend so ein weiterer Wahnsinn“ dieser Regierung.

 

Endlich wollte ich es doch wissen, also durchstöberte ich meine Mails, bis ich es schließlich fand und wie gebannt auf den Satz blickte: „Bootcamps für Schüler. Wiens Vizebürgermeister Dominik Nepp fordert Erziehungscamps für gewalttätige Schüler!“ Beim Lesen der Zeilen, in denen der österreichisch-faschistische Geist der neuen Rechten wieder die Gewalt als pädagogische Lösung herbeischreit, ist ein Teil von mir wiederaufgetaucht, der im Exil war. Wortwörtlich hatte mich etwas „geneppt“ – denn ich war längst dort, wo Dominik Nepp erst hinwill. Auch wenn ich mich in diesen Jahren stets als Speerspitze gegen die alltägliche Erniedrigung der minderjährigen Schutzbefohlenen phantasierte, wusste ich genau um die Episoden meines eigenen Übermaßes gegen die Jugendlichen, die es galt zu mäßigen. Dieses Wissen war aber im wahrsten Sinne wertlos. Seinen Wert erhielt es erst, als mich mein Vergessen beim Lesen wiederfand. Wuchtvoll, unter Tränen, am ganzen Körper. Dieses „Mich-Wiederfinden“ im Moment des Lesens wäre aber ohne die analytische Intervention meines Lesers nicht gelungen. Erst durch seine Frage konnte etwas von meinem Verdrängten auftauchen und mit den mir verloren gegangenen Worten der Niedertracht nun – anstelle von Wissen – als eine mir schwer erträgliche Wahrheit meinen Körper treffen.

 

Wenn Lacan in Seminar XIV sagt, „das Unbewusste ist politisch“ und Roland Barthes, „das Schreiben ist der Ort des Politischen“, so ist Schreiben für mich zur Möglichkeit geworden, einen Zugang ins eigene Exil zu finden.

 

 

Christian KOHNER-KAHLER

 

Bewährungshelfer

 

Psychoanalytiker im Neuen Lacan’schen Feld Österreich – Initiative Wien

 

 

 


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