"Institutionelle Selektion und der Platz des Analytikers" von Gerhard Reichsthaler

Blogbeitrag zum Forum von ZADIG-WIEN mit dem Titel "WIR ALLE SIND EXILANTEN" am 6.4.2019

 

 

 

Seit 2007 arbeite ich in der psychiatrischen Rehabilitationsklinik St. Radegund bei Graz. Die Idee der psychiatrischen Rehabilitation kommt ursprünglich aus Deutschland und hat zum Ziel - unter dem Schlagwort „Reha vor Pension“ – möglichst viele Menschen, die psychiatrisch leiden, im Erwerbsleben zu halten. Im Prinzip sollte sich dieses Projekt durch die Geldersparnis für Renten selbst finanzieren.

 

Seit Kurzem gibt es Überlegungen innerhalb einer der Versicherungsanstalten, welche die Klinik, in der ich arbeite, finanziert, eine gezieltere Behandlung der Patienten durchführen zu wollen, um Kosten zu sparen. Nach diesen Ideen sollte künftig dem eigentlichen therapeutischen Aufenthalt eine sogenannte „Assessment-Woche“ vorangehen.

 

Worum sollte es da gehen?

 

Im Prinzip sollten die Patienten einer „Selektion“ unterzogen werden, die zum Ziel haben sollte, jene Patienten, die schlecht motiviert sind und nicht ins berufliche Erwerbsleben wiedereingegliedert werden können, von jenen zu unterscheiden, bei denen eine hohe Wahrscheinlichkeit bestünde, dass sie beruflich wieder Fuß fassen und somit das „Ziel“ der Reha erreichen können. Die erste Gruppe, also die, die wenig bis gar nicht rehabilitierbar erscheinen, sollte eliminiert werden und zumindest von den Kliniken, die unter diesem Kostenträger stehen, nicht weiter behandelt werden. 

 

Ich war betroffen und fühlte mich scheußlich. Ich hatte die Phantasie, zum Handlanger einer Normierungsidee zu werden, die aus Menschen, mehr als bisher, funktionierende Produktionsfaktoren machen will.

 

Dennoch entschied ich mich, nicht wegzulaufen. Doch fragte ich mich, wo für mich die Grenze dessen ist, was ich bereit bin, mitzutragen.

 

Also was machen?

 

Da ich versuche Analytiker zu sein, habe ich in meiner Supervision, die ich regelmäßig mache, darüber geredet. Bei einer Analytikerin der „New Lacanian School“. Das ist eine psychoanalytische Institution, in der im Wesentlichen aus meiner Sicht ein Platz errichtet ist, an dem ein internationaler psychoanalytischer Diskurs mit einer klaren klinischen Orientierung möglich ist.

 

Zunächst entschloss ich mich dazu, mich nicht grundsätzlich entgegenzustellen und zu versuchen, den Signifikanten „Assessment“ anzunehmen. Zudem war ich bereit, in einer Arbeitsgruppe mitzuarbeiten und zu versuchen, unter diesem Signifikanten etwas zu kreieren, was mir vertretbarer erscheinen würde.

 

Und etwas gelang auch: Zunächst wurde aus dem Signifikanten „Assessment“ nun eine „Orientierungsphase“.

 

Und im Moment scheint es einen Prozess der Veränderung zu geben, der noch läuft und bei dem am Ende rauskommen könnte, dass die „Selektion und Eliminierung“ von Patienten sich in der Weise verändert, dass die Ärzte und Therapeuten unserer Klinik künftig plötzlich die Möglichkeit haben könnten, zu entscheiden, Patienten zu akzeptieren oder eben auch nicht. Das war bisher nicht der Fall. Patienten, die zugewiesen wurden, mussten aufgenommen werden.

 

Ich glaube, ich kann sagen, dass es ohne meine Kolleginnen und Kollegen des „Neuen Lacanfeld Österreich – Initiative Wien“, die mir einen psychoanalytischen Diskurs in Österreich überhaupt erst ermöglichen und ohne die „New Lacanian School“, die eine präzise Ethik hat, meiner Meinung nach für mich weder möglich wäre, in dieser Klinik zu arbeiten, noch an den beschriebenen Versuchen des gesundheitspolitischen Mitwirkens teilzunehmen.

 

Ich glaube, ich wäre mit dem Gestus der moralischen Überlegenheit einfach weggelaufen.

 

So aber hoffe ich, dass sich das, was ich anfänglich als so dramatisch empfunden habe, vielleicht auch durch mein Zutun wenigstens ein wenig verändern könnte.

 

Für mich sind jedenfalls aus dem Ringen nach meinem Platz als Analytiker in einem Diskurs der Segregation durch das Reden außerhalb nun mehrere Plätze geworden, wo ich als Analytiker erscheine.

 

Wenn ich aber meinen Platz verloren habe, was verhindert nun, dass ich jeden beliebigen Platz einnehmen könnte?

 

Es ist einzig der Diskurs, außerhalb.

 

Das ist mein Zeugnis, nachdem ich viele Jahre damit zugebracht habe, zu glauben, ich könnte mir genau dieses Rausgehen ersparen.

 

 

Gerhard REICHSTHALER

 

Psychoanalytiker im Neuen Lacan’schen Feld Österreich – Initiative Wien