"Exile in der Familie und in der Sprache" von Carina Obadia

Blogbeitrag zum Forum von ZADIG-WIEN mit dem Titel "WIR ALLE SIND EXILANTEN" am 6.4.2019

 

Das Thema des Exils interessiert mich äußerst, vor allem im Hinblick auf Österreich.

Mein Großvater mütterlicherseits war Herausgeber und Eigentümer der Neuen Freien Presse und musste als Volljude die Zeitung verkaufen, Österreich verlassen und ins Exil fliehen.

Infolge seiner Verhaftung während der Kristallnacht, nach langen, kostspieligen bürokratischen Windungen und schmerzvollem Aufgeben, ist es meinen Großeltern gelungen, zu emigrieren und der Nazi -Zwickmühle zu entkommen.

Die Familie wurde zerstreut, konnte aber überleben. Die älteste der Schwestern meiner Mutter war schon 1936 nach England zu einer Tante geschickt worden. Sie studierte dort, heiratete dann einen Psychoanalytiker in New York, wo sie als Sozialhelferin arbeitete.Die zweite Schwester kam Ende 1938 auch nach London, wo sie drei Romane schrieb.

Die dritte Schwester fuhr in die Schweiz, kam 1944 zurück nach Wien, arbeitete im Widerstand und schloss sich den Kommunisten an. Nach dem Krieg arbeitete sie als Ärztin in Kaisermühlen, Wien.

 

Meine 16-jährige Mutter wurde im Juni 1938 bei Verwandten meiner Großmutter in Finnland untergebracht. Sie erfuhr jedoch bald, dass sie sich beim Konsulat des Deutschen Reichs melden musste, wo man ihr den Vornamen „Sarah“ in ihren Pass eintrug, um sie als Jüdin zu bezeichnen. Sie aber beschloss es anders: sie zerriss ihren Pass und schmiss ihn in die Gosse.

 

Als der Krieg zwischen Finnland und Russland ausbrach, übersiedelte sie nach Schweden und blieb lang nach Ende des Weltkriegs Apatride.

Sie begann dort als Journalistin zu arbeiten und begleitete englische Reporter, die über die Schlachten in Norwegen berichteten, was für sie noch riskanter war, da sie keinen Ausweis mehr hatte.

 

Meine mütterliche Familie lebte auch nach dem Krieg weiter im Exil.

 

Obwohl mein Großvater in den 60er Jahren zurück nach Wien kam, fand er nie wieder seinen ehemaligen Lebensstandard und starb in Armut. Es ist nie zu einer wirklichen Anerkennung seiner Verluste, seiner Werke gekommen.

 

Meine Mutter kam nach Frankreich, fühlte sich jedoch bis zu ihrem Ende dort fremd.

Ich höre noch ihren Akzent, den man ganz deutlich bei ihr merkte, ein diskretes Signal

 

das klingen ließ: „Ich bin eine Fremde“, „ich gehöre nicht zu euch“. Sie trug ihre Heimat in ihrem unnachahmlichen Akzent, eine Mischung aus Wienerisch, Schwedisch, Englisch in ihrem Französisch.

 

„Nous sommes des métèques“ sagte sie auf Französisch. (Wir sind Metöken. Auf Französisch bezeichnet dieser Terminus die Fremden, so etwa wie auf Wienerisch die „Zuagrasten“)

 

Bei den Griechen in der Antike war ein Metöke „ein dauerhaft in der jeweiligen Stadt lebender Fremder, der kein Bürgerrecht (und damit keine politischen Mitwirkungsrechte) besaß, aber meist auch Grieche aus einer anderen Polis“ , laut Wikipedia.

 

Meine Mutter besaß die für mich typisch wienerische Kunst der Konversation, sie ging wirklich darauf ein, was man ihr erzählte, sie hörte sehr aufmerksam auf die Wörter hin, die man gebrauchte, und konnte sie auch in einen Witz umwandeln.

 

Sie hatte aber immer eine Art ungesagter Sehnsucht nach dem Wienerischen ihrer Kindheit und hat mit mir nur auf Deutsch gesprochen. Später hat sie mich in die Deutsche Schule bei Paris geschickt, wo ich bis zum Alter von 14 Jahren geblieben bin. So bin ich zwischen zwei Sprachen – Deutsch und Französisch – aufgewachsen. Das war nicht so einfach, denn von Seiten meines Vaters und meiner Halbgeschwister wurde das Deutsche zwar mit Kultur, aber auch mit Krieg verbunden.

 

Überhaupt war es für Franzosen unvorstellbar, dass Deutschsprachige sich von ihrem Deutsch durch den Krieg exiliert empfinden konnten.

 

Dazu gab es ein drittes Nebenexil, das die Kluft zwischen „piefkinesischem Akzent“ und dem Wienerischen betraf.

 

Hauptsächlich aber fühlte ich mich vom Deutschen exiliert, wenn ich Französisch sprach, und umgekehrt, wenn ich Deutsch sprach. Schließlich fühlte ich mich immer nur zum Teil zu Hause in jeder Sprache, nie ganz am rechten Ort, und erst mit der Psychoanalyse hat dieses Gefühl einen Sinn bekommen.

 

Diese Exilgeschichten und meine Begegnung mit der Lacanschen Psychoanalyse haben mich dazu geführt, psychoanalytische Konversationen in einem Immigrantenviertel in der Pariser Gegend zu halten.

 

Freud und Lacan lehren uns, dass unser erstes Heim die Muttersprache ist, welche aber ein inneres Exil voraussetzt. Und Aharon Appelfeld schreibt, wir müssen Exilanten unserer Muttersprache werden, um selbst sprechen zu können.

 

Carina Obadia

 

Psychoanalytikerin bei Paris

 

Hier können Sie sich zum Forum ANMELDEN