"Vom (Autokenn)Zeichen und seinen Wirkungen" von Claudia Gundacker

Blogbeitrag zum Forum von ZADIG-WIEN mit dem Titel "WIR ALLE SIND EXILANTEN" am 6.4.2019

 

 

 

Ich lebe mittlerweile länger in Wien, als am Ort meiner Kindheit und Jugend. Die Frage nach meinem Zuhause bedrängt mich die letzten Jahre. Ich weiß, dass die Frage selbst nicht besonders viel Sinn macht. Ich stelle sie trotzdem und suche nach einer Antwort. Es gibt keine eindeutige und richtige Antwort, dennoch suche ich nach Hinweisen, nach Anhaltspunkten und letztens habe ich bemerkt, dass es ein Zeichen gibt, das mir darüber eine Auskunft gibt, das Autokennzeichen.

 

Das Autokennzeichen war für mich als Kind schon immer sehr wichtig. Ich bin in einem kleinen Dorf im Bezirk Zwettl aufgewachsen, also im Waldviertel. Autos fuhren wenige an unserem Haus vorbei und wenn, dann war es ganz selbstverständlich aus dem Fenster zu blicken und zu schauen, wer das denn war. Auch während des Mittagessens. Fast immer waren es Leute aus dem Dorf, es verirrte sich kaum ein Fremder zu uns. Das Autokennzeichen bildete somit etwas sehr Grundlegendes für mich als Kind ab, den Unterschied zwischen fremd und nicht fremd.

 

Als ich dann zum Studieren nach Wien gekommen war und viele Jahre später noch, da war es selbstverständlich den Hauptwohnsitz nicht in Wien anzumelden. Der Hauptgrund war, dass dies den Verlust der Möglichkeit bedeutet hätte, jemals mit einem Auto zu fahren, auf dem das Kennzeichen meiner Heimat, das ZT stand. Und es ist noch immer so, dass das ZT in Wien, wenn ich es sehe, eine absolute Sehnsucht in mir auslöst, mir steigen manchmal sogar Tränen in die Augen. Ich will am liebsten sofort einsteigen und zurück an den Ort meiner Kindheit fahren. Diese Eigenart hält sich sehr hartnäckig. Die Stadt ist für mich voller Autokennzeichen. Sie springen mich an, ich sehe sie überall. Ich orientiere mich anhand der Zeichen, ich glaube an das Zeichen.

 

Nun bin ich hier in Wien. Hier zu leben war keine bewusste Entscheidung. Die Wahl ist zwar nicht die schlechteste, aber sie ist keine, die mich beruhigt. Worauf weist mich das Zeichen hin? Es sagt mir etwas über den Status der Fremdheit, es ermöglicht eine Verortung entlang der Linie fremd und nicht fremd. Diese Linie ist nicht gerade, sie ist seltsam verbogen, ich kenne ein paar Punkte auf ihr: ZT, W, FR (Freistadt), L (Linz). Diese Linie sagt etwas über eine Entfernung, eine räumliche Distanz aus, sie sagt etwas darüber aus, wie fremd jemand für den anderen ist und woher man kommt.

 

Ein Beispiel. Vor Kurzem besuchte ich meine Eltern mit meinen Kindern. Es war das erste Mal, dass ich mit einem Wiener Kennzeichen mit dem eigenen Auto ins Dorf meiner Kindheit gekommen bin. Ich stellte das Auto vor das Haus. Es dauerte nicht lange, da fragte mich meine Mutter, ob ich mich mit dem Auto nicht hinter das Haus stellen möchte. Ich verneinte. Es war ganz deutlich, meine Anwesenheit bringt die häusliche und dörfliche Ruhe durcheinander, ich störe. In meiner Mutter meldet sich ein Unbehagen. Die Buben im Dorf, die sehen das Auto und wissen, die Mäderln aus der Stadt sind gekommen und freuen sich.

 

Doch die Nicht-Kinder, die erwachsenen Landmenschen, sind nicht mehr neugierig, sie sind um Abgrenzung bemüht, wenn eine Fremde aus der Stadt kommt. Und ich spüre es am eigenen Leib, dass ich tatsächlich selbst zu dieser Fremden geworden bin. Ich habe etwas sehr Intimes verloren. Das W ist für mich ganz persönlich ein Hinweis darauf. Ich gehöre nicht mehr dazu. Doch mit diesem W bekenne ich auf eine gewisse Art und Weise Farbe, wie ich es nun öfter in meinem Leben tue. Wenn es kein einfaches Zurück mehr in den Schoß der Herkunftsgegend gibt, dann gibt es ein Nach-Vorne. Das W ist ein Hinweis auf das, was verloren gegangen ist, doch es gibt mehr darüber zu sagen, als das, was damit angedeutet wird. Also rede ich im Dialekt, auch in Wien, weil ich mich dann lebendiger fühle. Ich fühle mich noch fremd hier in diesem Wien, doch ich bin hier gelandet, direkt neben dem Rapid-Stadion, mit seinem lauten Getöse, dem Gesang und dem Durcheinander von Dialekten, Sprachen und Autos.

 

Claudia GUNDACKER

 

Psychoanalytikerin im Neuen Lacan’schen Feld Österreich – Initiative Wien

 

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