"Israel" von Gerhard Reichsthaler

Blogbeitrag zum Forum von ZADIG-WIEN mit dem Titel "WIR ALLE SIND EXILANTEN" am 6.4.2019

 

Meine Analyse bringt mich, der ich aus einem nationalsozialistisch geimpften Umfeld entstamme, seit vielen Jahren häufig nach Israel. Bei Begegnungen mit Juden oder Menschen, die ich für solche hielt, kam es, insbesondere im Lift meines Hotels, in mir immer wieder zu Momenten einer körperlich spürbaren Beklommenheit. Gedanken über die Shoah quälten mich, interessanterweise umso mehr, je offener und zugewandter mir dieser konkrete Andere erschien.

 

Als Reaktion entwickelte ich zunächst eine gewisse Umkehr: Juden erschienen mir als ganz besonders freundlich, gebildet, liebenswürdig. Im Endeffekt war das die Verkehrung des Vorzeichens meines ursprünglichen Rassismus.

 

Nach vielen Jahren meiner Analyse kann ich sagen, dass das Wort „Jude“ in mir nach wie vor etwas berührt und auch nach wie vor einen kurzen Moment einer körperlichen Reaktion bewirkt.

 

Dies ist etwas, wofür ich mich eine lange Zeit hindurch furchtbar geschämt habe und viel dafür gegeben hätte, es endlich wegzubringen. Ich weiß heute, dass ich es auf mich zu nehmen habe, weil etwas davon das Intimste meines Lebens berührt.

 

 

 

Gerhard REICHSTHALER

 

Psychoanalytiker im Neuen Lacan’schen Feld Österreich – Initiative Wien

 

 

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