"Der Angriff der Worte"von Andreas Steininger

Blogbeitrag zum Forum von ZADIG-WIEN mit dem Titel "WIR ALLE SIND EXILANTEN" am 6.4.2019

 

 

Es ist sehr viel Text im Umlauf, und das mit einer hohen Geschwindigkeit. Die gesellschaftlichen Felder haben ein ausgeprägtes Mitteilungsbedürfnis. Sie feuern aus vollen Rohren, bedienen sich aller erdenklichen Kanäle, die Text schriftlich oder mündlich transportieren können, egal ob Politik, Gesellschaft, Kultur oder Wissenschaft. Aber es ist keineswegs nur ein Privileg der gesellschaftlichen Institutionen, sich mitteilen zu können. Das Subjekt selbst sichert sich seinen Platz in dieser täglichen Flutwelle an Mitteilungen. Es tritt ein in den Wettkampf um Zuhörerschaft, in Form von Likes und Followers auf Facebook, Twitter und Instagram.

 

Als die Handys aufkamen, machte man sich Sorgen, dass den Menschen dabei zu viel elektrische Strahlung treffen könnte, was zu Krebs führen könnte. Text, geschrieben oder gesprochen, zumal in hoher Dichte und Geschwindigkeit greift auch den Körper an. Das sind nicht einfach nur News, oder neutrale Informationen. Das fordert meinen Körper. Das zerlegt, zerstückelt mich tagtäglich ein bisschen, macht Unruhe und Erregung in meinem Körper.

 

Jede Neuigkeit, die ich höre oder von der ich lese, stellt eine Herausforderung für meinen Körper dar. Was ich mir mühsam an für mich erträglicher Weltsicht zusammengebaut habe, wird tagtäglich in Frage gestellt. Ich bin immer hintennach und kenne mich in der Welt nie wirklich aus. Ich bin heillos überfordert, das alles zusammenzubauen. Manches muss ich mit einem seelischen Kraftaufwand einbauen, weil sonst meine Weltsicht nicht mehr hält, zu widersprüchlich und damit unheimlich und beängstigend wird. Anderes muss ich genau aus dem Grund mit einem Kraftaufwand ignorieren. Und das Abwägen, das eine vom anderen zu trennen, erfordert wieder einen Kraftaufwand. Was ich dabei ständig tue, ist, irgendwie mit meinem Körper abzuchecken, ob dieses oder jenes überhaupt physisch für mich verträglich ist. Ich mache das, indem ich die Folgen dieser neuen Informationen, so gut es geht, für meinen Körper übersetze und eben probespüre, ob das überhaupt geht für mich.

 

Aber das braucht Zeit und ist für mich nur ansatzweise zu bewerkstelligen. Und in meiner Not verbinde ich dann die neuen Informationen nur durch mein Denken, aber mein Körper ist dabei nicht beteiligt. Ich glaube, das passiert vielen Menschen so.

 

Das bloße Denken, abgekoppelt vom Körper, ist für mich ein bedrohliches und unheimliches Exil. Ich kann mir hier nie sicher sein, ob ich mir oder dem anderen nicht genau aus dem Grunde Schaden zufüge, weil die Dinge allzu logisch erscheinen.

 

Andreas Steininger

 

Psychoanalytiker im Neuen Lacan´schen Feld Österreich – Initiative Wien

 

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