"Über-Lebens-Zeichen" von Elisabeth Dokulil

Blogbeitrag zum Forum von ZADIG-WIEN mit dem Titel "WIR ALLE SIND EXILANTEN" am 6.4.2019

 

 

 

„Wir sind alle im Exil“ - der Satz erregt zunächst meinen Widerspruch: „zum Glück ich nicht“. Ich habe einen festen Wohnsitz, einen gültigen Pass und meine Bürgerrechte, die anderen sind im Exil, die Flüchtlinge, die hierherkommen und alles verloren haben. Doch ich weiß: Es ist ein glücklicher Zufall, dass ich nicht in der Lage des Ausgestoßen-Seins bin, ein sicheres Heimatgefühl ist mir fremd. Woher kommt das?

 

Zwei Jahre nach dem Krieg wurde ich geboren, die Erste war ich nach dem Krieg in der Familie, im nahen Freundeskreis. Ich war ein Zeichen dafür, dass das Leben gesiegt hatte über Zerstörung und Tod. Ich habe dieses Gefühl mitbekommen, mitgenommen - dieses Gefühl, dass das Leben ein Wunder ist, ein Geschenk, eine Kostbarkeit, die ich erhalten habe - völlig unverdient.

 

Meine Eltern waren Gezeichnete - gezeichnet von den Verwüstungen des Krieges. Sie hatten überlebt, konnten aber dem Leben nicht (mehr) vertrauen. Viel zu viele Tode hatten sie gesehen, viel zu viele Tote hatten sie zu beklagen, viel zu viele Trennungen hatten sie zu ertragen. Ihr Schmerz, ihre Unsicherheit, ihre Angst waren allgegenwärtig und unaussprechlich. Sie überdeckten die Düsternis, erstickten den Schmerz und die Angst mit Aktivismus. Sie waren aktiv in der Kommunistischen Partei und im Verein der Widerstandskämpfer, sie waren verfügbar und solidarisch in der Familie, im Freundeskreis und in der Nachbarschaft. Wir wohnten zu acht- fünf Erwachsene und drei Kinder - in zweieinhalb Zimmern, immer waren zusätzlich Gäste bei uns, die auf der Durchreise waren, auf Papiere für die Auswanderung warteten oder Station machten am Weg zu ihrer Familie. Die Wohnung war eine der wenigen mit funktionierendem Bad und Telefon, selbstverständlich war die Nachbarschaft eingeladen zur Mitbenutzung. Meine Eltern retteten sich immer wieder im Teilen mit den anderen, das gab ihnen die Gewissheit genug zum Überleben zu haben, nicht ausgestoßen zu sein.

 

Daheim war ich ein Teil von dieser selbstverständlichen Betriebsamkeit, brav und ohne Probleme. Aber sobald ich wusste, dass es ein Draußen gab, zog es mich dorthin, es ergaben sich Auswege aus der familiären Enge. Sobald ich bemerkte, welche Türen offen standen, besuchte ich die Nachbarwohnungen. Mit drei Jahren durfte ich allein in den Kindergarten gehen und ich entdeckte die Geschäfte am Weg: die Farbenhandlung und den Uhrmacher, das Wollgeschäft und die Bäckerei. Ich traf meist auf Freundlichkeit und Geduld, konnte Neues erfahren, andere Seiten der Welt entdecken. Ich sehe jetzt, dass meine innere Sicherheit mit diesen ersten Erfahrungen der Wanderschaft zusammenhängt.  Es ist eine Sicherheit der Ungewissheit: Es ist wichtig, mich nicht fest zu verankern. Fest steht, dass ich gehen kann, wenn es nötig ist, und ich kann mich wiederfinden an neuen Orten und in neuen Zusammenhängen. Ist meine Heimat das Exil, das ich mit anderen teilen kann?

 

Elisabeth Dokulil

 

 

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