"Zwiebel" von Ernst Tradinik

Blogbeitrag zum Forum von ZADIG-WIEN mit dem Titel "WIR ALLE SIND EXILANTEN" am 6.4.2019

 

 

Ich bin in einem Gemeindebau in Wien aufgewachsen. An der Donau, mit wildem Ufer. Für Kinder ein feines und abenteuerliches Umfeld, ein riesengroßer Spielplatz. Das Aufwachsen dort lieferte uns auch die Alltäglichkeit von Fremden- bzw. Ausländerfeindlichkeit. Immer waren „die Ausländer“ schuld. An allem. Oder natürlich auch „die Trottel“. Das konnten dann alle sein.

 

Das war ein häufig ausgesprochenes Grundverständnis der damaligen Erwachsenenwelt, ein lautes Gesprächsthema. Diese Ausländer! Mein Vater schimpfte damals ebenso über „die Ausländer“ wie alle anderen. Auch wenn gar keine Ausländer sichtbar waren. Zumindest nicht dort, wo wir lebten.

 

Meine Eltern waren übrigens, so wie sehr viele andere auch, ebenso Zugereiste, ebenso Fremde. Also noch recht neu in Wien. Erst ein paar Jahre in Wien. Auch wenn es aus heutiger Sicht sehr nah erscheint, so ist damals das äußerste Wald- und Weinviertel sehr weit weg von Wien gewesen. Mit Verkehrsmitteln eine lange Reise. Am Rande der Erde, so kam einem das damals vor, wenn wir bei Oma zu Besuch waren. Fünf Kilometer unterhalb der tschechoslowakischen Grenze. Am Rand bzw. Ende der Welt, weil es damals dort nicht weiterging. Der eiserne Vorhang hielt alles auf, was in die Richtung wollte. Dort wollte aber eh niemand hin. „Dort ist es gefährlich, da kann man erschossen werden“, warnte man uns Kinder. In die Richtung fuhren nur Bauern mit ihren Traktoren, weil sie da Felder hatten. Kurz vor der Grenze.

 

Aus diesen Randwelten kamen meine Eltern. So wie meine Brüder und ich. Tiefste Provinz. Du kennst diese Orte: eine Kirche, ein Wirtshaus, ein Fußballplatz, eine Straße mit links und rechts Häuser. Wobei ja Wien - milde ausgedrückt - auch nicht die Weltstadt gewesen ist, so wie wir heute „Weltstadt“ verstehen. Auch in Wien war tiefste Provinz im Sinne von „nicht weit denken“, alles etwas enger und kleiner, der vergangene Krieg und das Leid und die Verbrechen noch sehr viel näher als heute. Aber das wussten und/oder verstanden wir Kinder damals nicht.

 

Mein Vater schimpfte also, so wie die meisten, über Ausländer. Und fast zeitgleich, häufig im selben Satz, erzählte er, dass es Ausländer waren, Jugoslawen oder Türken, die ihm, als er nach Wien kam, geholfen haben. Immer mit ihm das Essen teilten, obwohl auch sie wenig hatten. Das war für sie selbstverständlich, so erzählte mein Vater. Das hat er immer wieder sehr hervorgehoben. Dafür war er dankbar und er hob den Unterschied hervor, dass dies „die Wiener“, „die Österreicher“ nicht machten.

 

Das irritierte uns Kinder. Diese Nähe, dieses knappe Beieinander: das Schimpfen über Ausländer, die gar nicht "in echt" vorhanden waren, und die beeindruckende selbstverständliche Anteilnahme, das Teilen von Essen der damaligen Arbeitskollegen meines Vaters, die Ausländer, die "in echt" vorhanden waren.

 

„Und stellt Euch vor“, erzählte er auch gerne, „sie essen Zwiebeln so, wie wir einen Apfel essen.“ So lernte ich das Sprechen über „Ausländer“ kennen, diese exotischen, offenbar sehr freundlichen Menschen, welche an allem schuld waren, was schlecht in der Welt war/ist. In Wien, in den 80ern.

 

 

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