"Die Leidenschaften des Seins, die die Menschenmassen dazu bringen, sich auf den Straßen zu versammeln"- von Pierre Naveau

Blogbeitrag zum Forum von ZADIG-WIEN mit dem Titel "WIR ALLE SIND EXILANTEN" am 6.4.2019

 

Dienstag, 15. Januar 2019. Dokumentarfilm von Roberta Grossman auf Arte. Titel: "Die Geheimarchive des Warschauer Ghettos" (1).

 

Am 30. Januar 1933 ist es eine vollendete Tatsache. Hitler hat die Macht an sich gerissen. Er brauchte drei Jahre. Er ist für das sogenannte "Volk" sowohl Führer als auch Retter geworden. Das "Volk", so heißt es, begann dann zu hoffen. Der Furcht entkommen, der Armut und Unsicherheit. Den Untergang vermeiden. Nicht in den bodenlosen Abgrund stürzen, in die Arbeitslosigkeit schlittern. Das "Volk", gefangen von dieser Illusion, glaubt daran. Es glaubt diesem Ankömmling aus dem Nichts, der durch sein Geschrei die Sprache, die er spricht, zerstört. Denn es war in der Tat das erste, was zerstört werden musste, das soziale Band, das den Austausch ermöglicht. Das "Volk" weiß nicht, dass unter dem Einfluss des von ihm inspirierten Terrors laute Axtschläge erklingen. Es wird also in Gang gesetzt.

 

Kommen wir zu den Tatsachen. Am 1. September 1939 fällt die deutsche Armee in Polen ein. Sofort greifen deutsche Soldaten die Juden an. Sie verpassen keine Gelegenheit – ohne die Möglichkeit, ein idiotisches Lachen zurückzuhalten, so wie gewisse Personen in Gemälden von Hieronimus Bosch - sie zu demütigen, sie im Intimsten zu treffen, sie öffentlich zu beschämen.

 

Roberta Grossmans Dokumentation zeigt, dass das abgelehnte Wesen des Juden, der auf diese unerträgliche Art misshandelt wurde, im öffentlichen Raum der Straße in der Hinsicht zum gehassten Wesen wird, als diesem Wesen seine Menschlichkeit selbst entzogen wird. Anlässlich jeder Szene versammelt sich eine kleine, neugierige Menge an Komplizen auf der Straße.

 

Logische Konsequenz. Am 15. November 1940 wird in Warschau das Ghetto geschlossen. Bereits seit einiger Zeit hat der Historiker Emanuel Ringelblum verstanden - das Tagebuch, das er auf Jiddisch schreibt, beweist es (2) - dass die schamlose Brutalität dieser Gewalt gegen Juden zwangsläufig zu ihrer Vernichtung führen würde. Er beschloss dann, ein Widerstandsnetzwerk unter dem paradoxen Namen Oneg Sabbat, die Freude am Sabbat, zu gründen. Es geht darum, schriftliche Zeugnisse von Menschen zu sammeln, von Männern, Frauen und Kindern, betreffend den Missbrauch von Juden - Beleidigungen, Schläge, Demütigungen, Vergewaltigungen, Folterungen, Morde. Professor Ringelblum legt sein Augenmerk auf die Tatsache, dass diese Zeugnisse geschrieben sind.

 

Am 26. Juni 1942 wird im Ghetto eine BBC-Sendung empfangen. Das zeigt, dass Europa damals auf das Entsetzen der Tragödie aufmerksam gemacht wurde, was die Nazi-Besetzer zu verstecken versuchten, indem sie eine Mauer hochzogen und die Ghetto-Türen verschlossen. In der Mitte Europas gab es gewissermaßen ein Loch im Wissen. Europa weiß es jetzt aber. Aber das wird zum Signal. Die Abschiebungen, in Wellen, nehmen zu. Die Massaker führen zu Hinrichtungen ohne vorherige Gerichtsentscheide, führen dazu, das Leben der Nacktheit ihrer Anonymität zu überlassen. Etwas weniger als ein Jahr später, am 19. April 1943, der Ghettoaufstand. Und seine Zerstörung mit Flammenwerfern, durch deutsche Armeepanzer.

 

Die Tatsache, dass die Zeugnisse geschrieben wurden und dass sie in eiserenen Kisten aufbewahrt wurden, erklärt, warum sie ausgegraben und aus ihrem Versteck geholt werden konnten. Diese schriftlichen Dokumente werden derzeit am Jüdischen Wissenschaftlichen Institut (YIVO) archiviert. Rachel Auerbach, die eine der wenigen Überlebenden der Warschauer Ghetto-Tragödie ist, hat sich darum gekümmert.

 

Lassen Sie uns nur für einen Moment, so genau wie möglich, auf die Details dieses Dokumentarfilms eingehen, der von den Federhaltern und Tintenschreibern dieser Männer und Frauen getragen wurde, die in ihrer Existenz verwundet wurden und sprechen, weil sie gehasst und verraten wurden, nichtsdestotrotz zustimmten, in einem kleinen, ockerfarbenen Notizbuch, ein paar Zeilen darüber zu schreiben, wovon sie Zeugen waren.

 

Es ist klar, wie sehr sie an jeder Straßenecke bei denen, von denen sie verfolgt wurden, mit der Aufteilung zwischen zwei Leidenschaften des Seins konfrontiert waren. Auf der einen Seite, auf der Seite der „Liebe“, wenn man diesen Begriff in einem solchen Kontext überhaupt verwendet kann, kleine jubelnde Menschenmassen, die, wie der Kommentar sagt, angesichts des vorübergehenden Führers in Ekstase verfallen. Die Identifikation durchläuft dann diesen Wirbelwind des Genießens am Zusammensein für die Dauer eines Moments, genau an diesem Ort.  Der Arm wurde gehoben und in Richtung des Schnurrbarts gestreckt, horizontal.

 

Auf der anderen Seite, auf der Seite des „Hasses“, wenn sich die Gelegenheit bietet, versammeln sich dieselben kleinen Menschenmassen in der Stadt voller Wut, Schmähungen im Mund, um diese Juden, diese von Angst und Schrecken erfüllten Männer, Frauen oder Kinder zu schlagen, sogar mit Tritten und Schlägen zu töten. Das könnte an der gleichen Stelle, auf dem gleichen Bürgersteig geschehen, an der gleichen Straßenecke. Die Identifikation bedient sich auf dieser Seite dieses schlechten Genießens, das sich so auswirkt, dass sie ungestraft handeln, als ob Sie nicht für Ihre Handlungen verantwortlich wären, als ob man für nichts verantwortlich wäre.

 

Es bedurfte der Sammlung dieser Schriften von Emanuel Ringelblum, um bekannt zu machen, was hier im Detail passiert ist.

 

 

Pierre Naveau

 

Psychoanalytiker, Mitglied von der ECF, der NLS, der AMP,

 

Ehemaliger Leiter der Abteilung für Psychanalyse / l’Université Paris 8,

 

Lehrer in der klinischen Sektion der Université Paris 8,

 

DEA für Psychologie, Doktorat der Psychoanalyse an der Université Paris 8

 

 

 

Übersetzt von Andreas Steininger

 

 

 

 

 

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 1: "Das geheime Archiv des Ghettos von Warschau", Dokumentarfilm mit der Unterstützung der Archive und Rekonstruktionen von Roberta Grossman, Vereinigte Staaten, 2018. Nächste Sendung auf Arte Freitag 25. Januar um 9:25 Uhr. Zu sehen im Replay bis zum 14. April 2019 hier.

 

2: Ringelblum E., Chroniken des Ghettos von Warschau, französische Übersetzung, 1959, nachgedruckt Payot-Rivages, 1995

 

 

 

 

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