"Zaun und Eigentum" von Ines Eicher

Blogbeitrag zum Forum von ZADIG-WIEN mit dem Titel "WIR ALLE SIND EXILANTEN" am 6.4.2019

 

 

 

Habe ich ein Grundstück gekauft oder geerbt, so werde ich zunächst nach dessen Grenzen suchen, ich werde die Grenzsteine suchen, werde dort vielleicht zusätzliche Markierungen anbringen, ich werde die Entfernungen von einem Stein zum anderen ausmessen und Linien ziehen: Das ist mein Grundstück und alles, was außerhalb liegt, das ist fremd. Und so eigne ich mir den Grund an. Handelt es sich um eine Wiese, so werde ich einen Zaun aufstellen und auf meinem Grund vielleicht ein Haus, mit genügend Abstand zum Nachbargrundstück, um nicht die Bauordnung zu verletzen. Mein Nachbar wird dasselbe tun, er wird ebenfalls einen Zaun aufstellen, er wird die Bäume so weit von meinem Grundstück entfernt setzen, dass kein Laub von seinen Bäumen auf meinen Rasen fällt.

 

 

 

Am See, wo ich baden gehen möchte, grenzt ein Privatgrundstück ans andere. Mehrere Kilometer lege ich zurück, gehe Zäune entlang und betrachte durch die Maschen eine leere Wiese mit kleinem Holzhäuschen darauf neben dem anderen. Der öffentliche Strand, einige wenige Meter breit, ist voller Menschen, kein Platz für meinen Liegestuhl. Mein Land, mein Heimatland, aber doch kein Platz für mich, denn jedes „Privat“ schließt aus. Diejenigen, die andere ausschließen, haben währenddessen längst sich selbst eingeschlossen. Gesetze, die innerhalb der privaten Grenzen gelten, gelten außerhalb nicht mehr.

 

 

 

Zuletzt, als ich mit dem Auto in den in Ungarn liegenden Nachbarort fahren wollte, war da ein neues Straßenschild, das ein Befahren der Straße mit Auto, LKW oder Bus verbietet. Neben dem Schild zwei Soldaten des Bundesheeres, die auch darauf achteten, dass sich niemand trotz Schild weiter ins Grenzland bewegt. Als ich dieses Schild sah, an der Stelle, an der früher der eiserne Vorhang stand, wurde mir klar, dass ich mich in einem Gefängnis befinde. Und nicht nur ich, auch jene, die zum Schutz dieses Landes die Abgrenzung nach Außen vorantreiben, sind längst Gefangene.

 

 

 

Um all die aneinandergereihten Privatgrundstücke in Österreich zu schützen, gegenüber denjenigen, die in Österreich kein „Privat“ haben, wird noch ein weiterer Zaun gebaut. Soldaten des Bundesheeres stehen in der Landschaft, um „unser Land“, denn definitionsgemäß ist dies unser Land, auch wenn ich einen Großteil davon nicht betreten darf, vor Leuten ohne Privatgrundstück zu schützen. Denn wer weiß, vielleicht müsste man ihnen einen Teil vom eigenen „Privat“ abgeben. Und vielleicht würde irgendjemand in Frage stellen, weshalb der Grenzstein und der Zaun genau hier stehen sollte, womöglich würde jemand all die Grenzsteine für ungültig erklären, würde aus allem „Privat“ ein „Öffentlich“ machen.

 

 

 

Solange die Zäune stehen dürfen, wo sie stehen, solange man sein Privatgrundstück hat, weiß man doch, dass die Aufteilung der Welt, so wie sie ist, ein unveränderliches Konstrukt darstellt, das Grenzen und Zugehörigkeiten stabil und unveränderlich erlaubt. Es erlaubt, sich einzusperren und von der restlichen Welt abzugrenzen. Ist dieses Konstrukt instabil, brechen die Zäune in sich zusammen, sind wir alle Exilanten.

 

 

 

Ines Eicher

 

 

 

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