"Opfer im Ruhestand" von Christian Kohner-Kahler

Blogbeitrag zum Forum von ZADIG-WIEN mit dem Titel "WIR ALLE SIND EXILANTEN" am 6.4.2019

 

„1000 Opfer von Missbrauch erhalten eine Zusatzpension“ – so lautet die Headline der Salzburger Nachrichten vom 8. Jänner 2019. Die Schlagzeile im Blattinneren auf Seite zehn ergänzt: „Kindheit wurde geraubt. Viele neue Opfer melden sich.“ Darunter ein ca. 15 mal zehn Zentimeter großes Bild. Man sieht im Schattenriss das Profil eines Kinderkopfs, der mit aufgerissenem Mund erschrocken nach oben blickt. Über ihm greifen bedrohlich zwei große Hände mit weit gespreizten Fingern nach ihm. Dieses Bild würde sich ebenso gut wohl als Kinoplakat für ein Remake des Vampir-Stummfilmklassikers Nosferatu aus dem Jahr 1922 eigenen. Im nächsten Augenblick vielleicht schon wird das zarte Wesen in diesen Fängen enden. Die Botschaft scheint klar – und doch sieht jedes Auge, was es sehen will oder muss.

 

Die Frage, was es heißt ein Opfer zu sein, bestimmt in westlichen Demokratien seit Jahrzehnten die Politik und Kultur wie kaum eine andere. Sie ist höchst brisant wie auch relevant, und dies nicht bloß auf der Ebene der Gesellschaft, sondern auch auf der je persönlichen. Mich treffen seit Jahren Opferberichte empfindlich. Sie produzieren in mir eine Melange aus Ärger, Abneigung und Ressentiment.

 

 Jahrzehntelang schickte die Jugendwohlfahrt Kinder aus schwierigen Verhältnissen in staatliche Exile – angedachte Schutzzonen für kleine Wesen, denen das Leben in der einen oder anderen Weise bereits übel mitgespielt hatte. Dort aber begann für viele erst ihr eigentliches Martyrium, dienten sie den verschiedensten Gelüsten einer sadistischen Pfleger- und Erzieherschaft. Eine Art untotes Genießen konnte sich in stationären Pflege- und Erziehungseinrichtungen von Generation zu Generation fortpflanzen. Es gedeiht bis heute am besten in der Trias Totale Institution – Gruppendruck – Machtmissbrauch.

 

Mir war es beschieden, beide Seiten der Achse Schützling-Bewacher hautnah zu erleben. Von den zwei ersten Lebensjahren in der Säuglingskrippe ist mir kein einziger Fetzen Erinnerung geblieben. Vom sadistischen Zwingen und Strafen der „Kindergarten-Tanten“ schon mehr, versehen mit ersten erotischen Erleichterungen. Die Welt war wild und grob und doch funkelte sie auch manchmal hell und lockend. Die Ohrfeigen der Lehrer waren dann schon eher die Ausnahme. Den ersten der mich schlug, meinen Volksschullehrer, mochte ich von ganzem Herzen, denn er war ein liebevoll Gerechter und kein Sadist. Letzteren begegnete ich wieder im Gymnasium. Zuschlagen kam jedoch ab Mitte der 70er Jahre, zumindest in höheren Schulen, schon etwas aus der Mode, maximal ab und zu mal an den Haaren ziehen, doch sadistische Rituale der Erniedrigung standen auf der Tagesordnung. Eine Wiener katholische Privatschule mit bestem Ruf. Torbergs Schüler Gerber las ich Jahre später mit der bitteren Freude eines Mich-Wiederfindens.

 

In den frühen 90er Jahren machte ich sodann meine ersten klinischen Erfahrungen. Ich arbeitete als Pädagoge in einem oberösterreichischen Heim für „schwererziehbare“ Buben. So sagte man damals. Etwa 120, im Alter zwischen sieben und 19, waren dort kaserniert, aufgeteilt in zwölf Wohngruppen, in einem Benediktinerkloster aus dem 12. Jahrhundert. Ein Ort voll baulicher Schönheit und exzessiv blutiger Gewalt. In erster Linie Gewalt unter Männern, unter den Kleinen, die Großen gegen die Kleinen. Lehrlinge, die Schüler misshandelten oder sich gegenseitig malträtierten, einschreitende Polizeikommandos mit Hundestaffeln, alte Erzieher gegen die linken, jungen Kollegen.

 

Als solcher verstand ich mich, als solcher begehrte ich auf in diesem Hobbes´schen Fegefeuer und doch verbrannte auch ich mich daran immer wieder. Wenn mir die Worte fehlten – in Momenten höchster Eskalation – schlug auch ich zu. Etwas von meinem eigenen Intimsten, bis dahin einigermaßen sicher exiliert, begegnete mir „von draußen“ als Unerträgliches. Mit dieser Arbeit hatte ich mich an einen Platz gesetzt, von dem ich damals nicht wusste, dass er einfach „meiner“ war, einen, den ich nie wollte und doch immer wieder finden musste, weil etwas von mir ihn suchte, um ihn neuerlich zu genießen. Da sitzt was, gleich setzt ´s was!

 

Die Stimmen von Opfern hören zu können, ihnen im sozialen Band eine Stimme zu geben, schuf erst die Möglichkeit für ein anderes, „neues“ Sprechen, einem, dem nicht mehr die Angst vor der Schmähung die Stimme raubt. Im Laufe der Jahre hat sich derart ein mächtiger, heterogener und mitunter auch seltsamer Diskurs entwickelt – aus dem Opfer wurde bei Zeiten ein imaginäres Ideal-Ich, mitunter ein  „Medienstar“ mit Distinktionsgewinn. Diese Irritation bleibt bei mir, doch ist sie ein klein wenig sanfter durch die Erfahrung, dass in diesen emotionalen Schlingen mein eigener Lebensfaden verknotet ist.

 

Christian Kohner-Kahler

Psychoanalytiker im Neuen Lacan´schen Feld Österreich - Initiative Wien - Initiative der NLS

 

 

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