"Heimatkunde" von Andreas Steininger

Blogbeitrag zum Forum von ZADIG-WIEN mit dem Titel "WIR ALLE SIND EXILANTEN" am 6.4.2019

 

Kurz vor meinem Schuleintritt wurde in Österreich das Fach Heimatkunde abgeschafft. Ich habe das recherchiert, weil mir der Begriff Heimatkunde als Schulfach derart vertraut ist, dass ich mich sogar noch zu erinnern gemeint habe, dort die oberösterreichische Landeshymne und die Bundeshymne gelernt zu haben. Aber das muss dann wohl schon im Fach Sachunterricht stattgefunden haben.

 

Ich lese da bei Wikipedia nach, dass der Heimatkundeunterricht in der Bundesrepublik Deutschland 1969 abgeschafft worden ist: „Die Kritik an der Heimatkunde bezog sich auf ideologische Überfrachtung, geographische Enge, zu wenig Wissenschaftlichkeit und zu starke Orientierung an Landidylle statt an Problemen der Gegenwart.“. In Österreich tat man es den Deutschen dann Anfang der 70er Jahre gleich.

 

Die Sache, die das Wort „Heimat“ meint, hat mich schon als Kind manchmal beschäftigt. Denn dieses Wort löste bei vielen Menschen so allerhand Gefühle und Verhaltensweisen aus – Tränen beispielsweise, oder einträchtiges Schunkeln auf Bierbänken oder sogar ein Gejohle. Wussten all diese Menschen, was das Wort „Heimat“ meinte?

 

Was mich anging, blieb das Wort ziemlich inhaltslos, löste aber dennoch ein leicht melancholisches, nostalgisches Gefühl aus. Was also ist diese viel besungene Heimat? Letztendlich habe ich meine Antwort in der letzten Strophe der oberösterreichischen Landeshymne gefunden:

 

Dahoam is dahoam,

 

Wannst net fort muaßt, so bleib;

 

Denn d'Hoamat is ehnter

 

Der zweit Muaderleib.

 

 

 

Heimat ist Heimat, so heißt es in der ersten Zeile. Das ist ein Begriff, der genau deswegen so viel bedeutet, weil er nichts sagt, weil er leer ist, eine bloße Tautologie. Er ist aber dennoch, so empfiehlt die zweite Zeile, ein Ort, an den du fixiert bleiben sollst. Und worauf du fixiert bleiben sollst, das beschreiben dann die letzten beiden Zeilen: an einen Ort jenseits einer Auseinandersetzung mit dem Anderen, an eine Abwendung vom Leben in der Welt. An einen Ort, wo nicht mehr gesprochen werden muss, weil man bedürfnislos in einem paradiesischen Wohlstand dahindämmert. An einen Ort der zunehmenden Entdifferenzierung des Seelenraumes.

 

Dieser Tendenz in Richtung der Auflösung aller Unterschiede, aller Fremdartigkeit, der absoluten Angleichung von allem und jedem, hin zu einem diffusen ozeanischen Gefühl und darüber hinaus hin zur Auflösung des Seelischen überhaupt gibt Freud einen Namen: Er nennt das den Todestrieb.

 

Und so ist die zu Ende gedachte Heimat das schlimmste Exil überhaupt.

 

 

Andreas Steininger

Psychoanalytiker

im Neuen Lacan´schen Feld Österreich - Initiative Wien - Initiative der NLS

 

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