"Woher kommst du wirklich" von Sarah Birgani

Blogbeitrag zum Forum von ZADIG-WIEN mit dem Titel "WIR ALLE SIND EXILANTEN" am 6.4.2019

 

Ich bin in einer still gelegenen Wohnung im vierten Stock eines Hauses in Hannover, Deutschland, aufgewachsen. Mein Vater hat mit 19 Jahren, kurz vor Kriegsbeginn, den Iran verlassen, um in Graz zu studieren. Dort lernte er meine Mutter, eine gebürtige Kärntnerin, die gerade ihr Medizinstudium begonnen hatte, kennen. Durch Zufälle landeten beide für eine Zeit in Deutschland. In diese Zeit fiel meine Geburt. Ich erinnere mich, dass ich dem melodiösen Klang der Worte meines Vaters gelauscht habe, wenn er Farsi gesprochen hat – ein fremdes vertrautes Sprechen. Nach den ersten sechs Jahren meines Lebens beschlossen meine Eltern, nach Österreich zu ziehen und in einem verschlafenen Dorf mit schöner Aussicht ein Haus zu bauen. Mich hat mit 18 Jahren ein Interesse nach Wien getrieben.

 

Woher kommst du? Diese Frage begleitet mein Leben.

 

In der Schule fragte mich einst eine Freundin, warum meine Haut von der Sonne so schnell gebräunt werde. „Ist das, weil du aus dem Iran kommst?“ Damals lächelte ich und genoss, dass es etwas gab, das mich von den anderen Kindern unterschied. Dieselbe Freundin sprach mit ihren Eltern Slowenisch, eine Sprache, die auch in meiner Volksschule präsent war. Ein weiteres fremdes, vertrautes Sprechen, das meinen Körper traf – und ich lauschte.

 

Woher kommst du? Diese Frage bringt mich gewissermaßen in Bedrängnis. Woher komme ich? Aus Hannover? Aus Klagenfurt Land? Aus Wien? Oder doch aus dem Iran, dem Geburtsland meines Vaters? Wenn ich heute diese Frage höre, fühlt sie sich anders an, etwas ist dazugekommen, das mir unheimlich ist. Woher kommst du – rechtfertige dich – das ist, wie ich dieselbe Frage heute höre. Etwas hat sich atmosphärisch verändert. Ich erinnere mich an eine Taxifahrt in Wien. Der Fahrer, ein Mann mittleren Alters mit Wiener Dialekt, fragt, noch bevor ich mich hingesetzt und meinen Gurt befestigt habe: „Woher kommst du?“ „Aus Wien“, antworte ich zunächst und er ist sichtlich unzufrieden. Ein wenig ungeduldig wiederholt er seine Frage und fügt hinzu: „Österreichisch schaust du nicht aus. Also woher kommst du wirklich? Und deine Eltern?“ „Meine Mutter ist in Kärnten geboren, mein Vater im Iran, aufgewachsen bin ich in Deutschland“, antworte ich brav. „Ah ja, Iran“, erwidert er rasch und ich meine, eine gewisse Geringschätzung in seiner Stimme zu vernehmen. Den Rest der Fahrt sitzen wir beide schweigend im Taxi.

 

Seit September bin ich auf Reisen und habe in verschiedenen Ländern der Welt im psychosozialen Feld gearbeitet. Dabei habe ich die meiste Zeit Englisch gesprochen. Ich habe mit nicht geringem Amüsement bemerkt, dass mir manchmal gewisse deutsche Worte nicht einfallen, während ich deren Übersetzung im Englischen mühelos verwenden kann. Ich träume momentan auf Englisch. Die fremde vertraute Sprache kommt nun nicht mehr nur vom Anderen, sondern auch von mir selbst.

 

 

Sarah Birgani

Studierende im Neuen Lacan´schen Feld Österreich - Initiative Wien - Initiative der NLS

 

 

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