"Vor dem Gesetz" von Christian Kohner-Kahler

Blogbeitrag zum Forum von ZADIG-WIEN mit dem Titel "WIR ALLE SIND EXILANTEN" am 6.4.2019

 

Ein Landesgericht für Strafsachen, irgendwo in der österreichischen Provinz. Ich war als Bewährungshelfer geladen, denn heute sollte Recht über einen meiner Probanden (einer der sich „bewähren muss“) gesprochen werden – im Rahmen einer Hauptverhandlung.

 

Die Sprache der Justiz ist konservativ, sie lässt uns vom Blut ihrer Geschichte einen Rest als Mahnung: habeas corpus – im Gerichtsstand, im Forum, wird nach dem Körper desjenigen verlangt, der sich zu verantworten hat. Er muss hierfür nichts weniger als den Kopf, sein Haupt, hinhalten. Ihm gegenüber sitzt derjenige, der ihn zu richten hat, er sitzt dort ebenso mit Haut und Haaren. Das Strafgericht ist ein elementar körperliches Ereignis. Der, der „im Namen des Gesetztes“ Recht spricht, ist kein Gerechter, sondern selbst bloß ein „Kastrierter“ – einer dem auch „etwas fehlt“ – einer, der selbst einstehen muss für sein Wort. Sein Urteil wird daher immer eines sein, das den Zug seines Wesens trägt. Ein Richter muss ertragen können, dass, indem er sein Wort gibt, er all die anderen Wörter in diesem Moment gerade nicht gibt – etwa diejenigen, die zu einem anderen Urteil geführt hätten. Er ist der, dessen Urteil zwar entscheidet, ohne aber „der Einzige“ zu sein – denn das Rechtsinstitut des Instanzenwegs (das Recht des Angeklagten gegen ein Urteil in nächster Instanz, an einem anderen Platz, zu berufen) veranschaulicht das Prinzip der Kastration als Strukturnotwendigkeit jeglicher Rechtsprechung. Diese mag mitunter streng, niemals aber darf sie grausam sein. Während ich in der Verhandlung saß und mir die Worte des Richters begannen Unbehagen zu bereiten, fiel mir ein Satz Avi Rybnickis ein, den er vor vielen Jahren gesagt hatte: Das Gesetz wird grausam, sobald es gesichtslos ist.

 

Am Ende der Verhandlung würde ich sagen können, dass mein Unbehagen der Unklarheit geschuldet war, ob mir gerade etwas Grausames im Gesicht, in den Worten des Richters, begegnen würde. Ich hörte zu viel Genießen in der Ausübung seines Mandats und befürchtete, dass mein Proband daran Schaden nehmen könnte. Saß da vielleicht ein „Gesetzesvater“, der das Privileg seiner Position nicht fürchtet, sondern sadistisch genießt? Oder fixierte er seinen symbolischen Platz durch die Maßlosigkeit seiner Macht im Realen? War er gar einer, der überall und stets den anderen richten musste? Denn keinen Augenblick lang ließ er den geringsten Zweifel aufkommen, wer hier der „Herr des Verfahrens“ war. Seine etwas süffisante Strenge galt aber nicht bloß dem Angeklagten. Ob Staatsanwalt, Zeugen oder Verteidigung – einem jeden fuhr er in die Parade, sobald er seine Aufgabe der Verfahrensführung durch ihre Befindlichkeiten, Ungenauigkeiten oder Irrtümer behindert sah. Langsam dämmerte es mir– hier saß einer, der nahm seine Aufgabe ernst, aber zum Glück nicht todernst. Einer, der für sein Wort einsteht, wenngleich taktlos, einer, der den eigenen Kopf für sein Urteil hinhält, ohne sich aus der Verantwortung zu stehlen, indem er seine Verantwortung an die Expertise diverser „Gutachter“ delegiert. Denn kompliziertere Fälle der Strafgerichtsbarkeit – die häufig um Fragen der psychischen Disposition der Beschuldigten kreisen – werden de facto längst von der forensischen Psychiatrie entschieden. Jeder Angeklagte, dessen „psychischer Zustand“ zum Tatzeitpunkt den Verdacht einer „geistigen oder seelischen Abartigkeit von höherem Grad“ erweckt, muss das Damoklesschwert seiner „Einweisung“ in den Maßnahmenvollzug für „geistig abnorme Rechtsbrecher“ fürchten. Und dies bedeutet die Möglichkeit der „Verwahrung“ über die zeitliche Begrenzung des Strafmaßes hinaus – auf unbestimmte Zeit. Warum aber, frage ich mich, fürchtet sich niemand vor der alltäglich praktizierten „Inbetriebnahme“ dieser rassistischen Diktion?

 

Ich sah dieses Damoklesschwert über meinem Probanden schweben, denn schon seit längerer Zeit wurde die ihm nahe Welt, vor allem die seiner Familie, ängstigend, verfolgend und feindlich. Doch niemand glaubte ihm. Wenn seine Welt ihm allzu nahe rückte, konnte er sich ein kleinwenig Raum verschaffen, indem er seine Nächsten bedrohte. Deswegen saß er heute hier, voller Hoffnung auf seinen Richter. Dieser allein, erzählte er mir ein paar Tage vor der Verhandlung, könne in seiner Welt wieder etwas richten. Und das Unerwartete geschah. Der Richter hörte ihn an. Er fragte streng und genau, ebenso die Zeugen, die sich alle mit ihrem selbstgewählten Opferplatz einverstanden erklärten, ihm aber war dieses Einverständnis sichtbar zuwider. Schließlich sprach er einen Schuldspruch – ohne Gutachter, kein Vermessen des „Risikos“, der „Gefährlichkeit“. Der Richter hatte sich selbst ein Bild gemacht und offenbar etwas in den Reden der Zeugen hören können, dass die Schuldfrage jenseits der Logik von Täter und Opfer stellte. Das Urteil war kein mildes, doch ließen ihm formal-juristische Kriterien kaum Spielraum, erklärte er in der Urteilsbegründung. Am Ende gab er meinem Probanden noch ein paar „väterliche Worte“ mit auf dem Weg. Dieser bedankte sich für sein Urteil, das ihm die Würde seiner Verantwortung ließ und eine Einweisung in „die Maßnahme“ ersparte.

 

Der Maßnahmenvollzug ist in Österreich vielleicht das realste aller nicht selbstgewählten Exile. Eine Art Deportation auf die Insel der Forensik. Er ist aber nicht bloß ein Ort, wo wir, „die Gesellschaft“, etwas von dem wegsperren, was man früher noch den Wahnsinn genannt hat und heute geistige Abartigkeit nennt. Diese forensisch bewachten Inseln dienen inzwischen vor allem dazu, unsere Angst vor dem andern ins Exil zu schicken, auf dass sie samt ihren Repräsentanten dort am besten für immer verschwinden möge.

 

Christian Kohner-Kahler

Psychoanalytiker im Neuen Lacan´schen Feld Österreich - Initiative Wien

 

Before the law

 

 

 

A provincial criminal court somewhere in an Austrian province. I came there as a probation officer, because today the law should be spoken about one of my parolees - in the context of a main trial.

 

 

 

The language of justice is preserving, it leaves us a remnant of the blood of its history as a reminder: habeas corpus - in the place of jurisdiction, in the forum, there is a need for the body of the person who has to answer for himself. To do this, he has to put up with nothing less than his head, his head. Opposite him sits the one who has to judge him, he sits there with skin and hair as well. The criminal court is an elementary physical event. The one who speaks justice "in the name of the law" is not a righteous man, but merely a "castrated one" himself - one who also "lacks something" - one who must himself vouch for his word. His judgement will therefore always be one that carries the trait of his being. A judge must be able to bear the fact that, by giving his word, he does not give all the other words at this very moment - such as those who would have led to a different judgment. He is the one whose judgement decides, but without to be "the only one" - for the legal institution of the instance (the right of the accused to appeal against a judgement in the next instance, in another place) illustrates the principle of castration as a structural necessity of any jurisprudence. This may sometimes be strict, but it must never be cruel. As I sat in court and the judge's words began to make me uncomfortable, I remembered a sentence, which Avi Rybnickis had said many years ago: "The law becomes cruel when it is faceless.

 

 

 

At the end of the trial, I would be able to say that my discomfort was due to the lack of clarity as to whether I would encounter something cruel in the face, in the words of the judge. I heard too much enjoyment in the exercise of his mandate and feared that my parolee might suffer harm. Was there perhaps a "law father" who did not fear the privilege of his position, but sadistically enjoyed it? Did he fix his symbolic place through the excessiveness of his power in the real? Was he even one who had to judge the other everywhere and always? For not for a moment did he allow the slightest doubt to arise as to who was the "master of the process" here. However, his somewhat smug severity was not only for the accused. Whether prosecutor, witness or defense - he drove everyone into the parade as soon as he saw his task of conducting the trial hindered by sensitivities, inaccuracies or errors. Slowly it dawned on me - here sat one who took his task seriously, but fortunately not dead serious. One who stands up for his word, albeit tactlessly, one who gives his own head for his judgement without stealing his responsibility by delegating his responsibility to the expertise of various "experts". In more complicated cases of criminal jurisdiction - which often revolve around questions of the psychological disposition of the accused have de facto long since been decided by forensic psychiatry. Every accused whose "mental state" at the time of the offence arouses the suspicion of a "mental or spiritual abnormality of a higher degree" must fear the sword of Damocles to the execution of measures for "mentally abnormal lawbreakers". This means the possibility of "safekeeping" beyond the time limit of the sentence - for an indefinite time. Why, I ask myself, is nobody afraid of the everyday "putting into practice" of this racist diction?

 

 

 

I saw this sword of Damocles hovering over my parolee because for a long time the world close to him, especially that of his family, had been frightening, persecuting and hostile for him. No one believed him. If his world came too close to him, he could make a little room for himself by threatening his neighbors. That was the reason why he sat here today, full of hope in his judge. He told me a few days before the trial that this man of justice alone could regulate something in his world again. At least the unexpected happened. The judge listened to him. He asked strictly and precisely, as did the witnesses, who all agreed with their self-chosen place of sacrifice, but this agreement was visibly contrary for him. Finally, he pronounced my parollee guilty - without an expert, no measuring of the "risk", the "danger". The judge had made up his own mind and apparently could hear something in the testimonies of the witnesses that the question of guilt was beyond the logic of perpetrator and victim. The judgment was not a mild one, but formal-legal criteria left him hardly any room for maneuver he explained in the reasons for the verdict. In the end, he gave my client a few "fatherly words" on his way. The latter thanked him for his judgement, which kept him the dignity of his responsibility and saved him from a life behind the walls of measures.

 

The execution of measures in Austria is perhaps the most real of all exile not chosen by oneself. A kind of deportation to the island of forensics. Well, it is not just a place where we, "society", lock away something what we once called lunacy and today has the name mental madness. These forensically guarded islands now serve above all to send our fear of others into exile, so that fear and its representatives may disappear there forever.

 

 

 

 

 

Christian Kohner-Kahler

 

Psychoanalyst and Probation Officer in Vienna

 

Member of the New Lacanian Field Austria – initiative Vienna

 

 

 

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