"Die Gäste, die sie rief" von Miriam Zorn

Blogbeitrag zum Forum von ZADIG-WIEN mit dem Titel "WIR ALLE SIND EXILANTEN" am 6.4.2019

 

Seit ich mich erinnern kann, erzählt meine Großmutter von den vielen Gesellschaften, die in ihrem Zuhause stattgefunden hätten. Sie habe stets im Kreise ihrer Familie gelebt und Haus und Garten seien immer auch Schauplatz von Festen und Zusammenkünften aller Art gewesen. Es habe zumeist „großer Betrieb“ geherrscht. Bei ihr seien Familie, Freunde, Bekannte und Mitbringsel aller Art, auch einige „schräge Gestalten“, aus- und eingegangen. Seit einigen Jahren bewohnt meine Großmutter dieses Haus allein; ihre Eltern sind verstorben, Kind und Neffen längst verzogen und mit eigenen Familien in eigener Gesellschaft.

 

In den letzten Monaten schritt die Demenzerkrankung meiner Großmutter rasch voran. Im Sommer staunte ich nicht schlecht, als ich sie besuchte und sie mich bereits im Garten vorwarnte, dass sie momentan einige Gäste bei sich habe. Da, wo ich bloß Zierkissen sehen konnte, fand meine Großmutter ihre „fremden, ungebetenen Gäste“ vor. Sie unterhielt sich mit ihnen und beschwor sie, dass sie nun bitte das Haus verlassen sollten. Mir sagte sie, es sei sehr unangenehm, die Fremden würden bei ihr Unterschlupf suchen, seien aber nicht bereit, nun wieder zu gehen. Der Ärztin erzählte meine Großmutter die Vorkommnisse belustigt – ihr sei da etwas „Komisches“ passiert; auf ihrem Sofa, an ihrem Tisch und selbst in ihrem Bett hätten es sich Fremde bequem gemacht und würden nicht mehr weichen. „Sowas muss dir mal passieren, Sachen gibt’s.“, lachte sie. Auf die Frage der Ärztin, ob ihr die Fremden Angst machen würden, antwortete meine Großmutter: „Nein, nein, ängstlich bin ich zum Glück nicht, aber komisch ist das schon.“

 

Da die Halluzinationen anhielten und meine Großmutter dazu bewegten, Möbel umzustellen, den fremden Gästen ihre Schuhe zu überlassen und ihnen Mahlzeiten zuzubereiten, wurde die Situation vor allem für uns Angehörige doch unheimlich genug, um eine Medikation zu befürworten, welche die „Geister“ in Großmutters Haus und Garten verschwinden lassen sollte. Schließlich äußerte auch meine Großmutter, dass die Gäste teilweise unhöflich seien und Fratzen ziehen würden.

 

Nachdem meine Großmutter einige Wochen lang ihre Antipsychotika genommen hatte, waren die fremden Gäste erfolgreich vertrieben und tauchten in ihrer Rede nicht mehr auf. Ich fragte meine Großmutter bei einem der ersten Besuche ohne unsichtbare Mitbewohner, wie es ihr gehe. Sie erzählte von vergangenen Zeiten, von dem „großen Betrieb“, der bei ihr geherrscht habe und dass es jetzt so anders sei, allein zu leben. Sie wirkte niedergeschlagen.

 

Ich frage mich, welche Vertrauten ihr mit den Fremden genommen worden sind.

 

Miriam Zorn

Studierende im Neuen Lacan´schen Feld Österreich - Initiative Wien

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Norbert Leber (Samstag, 02 Februar 2019 08:01)

    Ja, gute Frage und berührender Beitrag!