"Die Algorithmen und die Einsamkeit" von Andreas Steininger

Blogbeitrag zum Forum von ZADIG-WIEN mit dem Titel "WIR ALLE SIND EXILANTEN" am 6.4.2019

 

Es war mir früher manchmal recht lustig, Denksportaufgaben oder Rechenaufgaben zu lösen. Als ich dann an der Uni Psychologie studierte, wurde ich mit allerhand statistischen Methoden konfrontiert und reagierte mit meiner verspielten Ader darauf. Ich hatte Freude an den Berechnungen und erklärte meinen Mitstudenten dieses und jenes. Ich konnte unbekümmert und unschuldig mit den Zahlen spielen, weil ich nicht im Geringsten auf die Idee kam, dass sie irgendwas mit meinem Seelenleben zu tun haben könnten. 

 

Als ich dann aber merkte, dass sich Zahlen im Feld des Seelischen langsam durchsetzten, verlor ich meine Unbekümmertheit und die Zahlen wurden mir unheimlich. Etwas begann sich in mir dagegen zu wehren. Menschen sind doch spontan, haben einen freien Willen, man kann doch nie wirklich voraussagen, wie sie etwas erleben werden oder sich verhalten werden oder wie sie denken werden. Man tut einem Menschen weh, wenn man ihn auf etwas festschreibt oder in eine Kategorie einordnet. Man reagiert darauf doch mit Widerstand, mit Subversion oder im schlimmsten Fall mit Resignation und Lethargie. Die Geschichte mit all ihren Revolutionen beweist doch, dass Menschen Freigeister und zu guter Letzt unberechenbar sind.

 

Und Freuds Entdeckung des Unbewussten geht in die gleiche Richtung. Man ist nie sicher vor seinem Unbewussten, davor, dass das, woran man gerade glaubt, nicht auch wieder über den Haufen geworfen werden kann, davor, dass etwas anderes aus einem herauskommt, als das, womit man gerechnet hat, dass dadurch eben auch etwas Neues entstehen kann.

 

Den Algorithmen sind solche Zweifel und Einwände egal. Sie regieren in ihren Blechgehäusen mit eiserner Härte und es kommt immer nur das aus ihnen heraus, womit sie gerechnet haben. Das macht sie aber auch zu sehr autistischen Herrschern, die in keinerlei sozialem Band zu den Menschen stehen, für die sie Entscheidungen treffen. Sie wissen nichts von den menschlichen Regungen, kennen kein Mitgefühl, keine Nachsicht, keine Hemmungen, kein Verständnis für den Einzelfall, sie wissen nichts von der Not, aus der heraus Menschen oft handeln und nichts davon, wie sehr das Leben oft von Zufälligkeiten bestimmt wird.

 

Ich fühle mich immer unbehaglich, wenn ich Menschen begegne, die als Gehilfen der Algorithmen auftreten, als selektive Datensammler zum Beispiel oder als Sprachrohre der Algorithmen, wenn sie mir die Ergebnisse der Entscheidungen der Computer mitteilen. Das passiert mir, wenn ich bei irgendwelchen Beamten, Sachbearbeitern, oder Ärzten usw. sitze und die Personen, mit denen ich es zu tun habe, hauptsächlich auf einen Bildschirm starren. Ich habe dann regelmäßig ein Unwohlsein, weil mir dann nicht mehr klar ist, wo die Maschine aufhört und mein Gegenüber als Mensch anfängt. Nicht nur, dass mir das unhöflich vorkommt, wenn ich beim Reden nicht angeschaut werde. Es ist mir unheimlich, dass ich Fragen gestellt bekomme, die ich nur mit Ja oder Nein beantworten soll, oder als Antwort irgendeine Zahl zwischen 1 und 10 nennen soll. Ich kann solche Fragen meistens nicht mit meinem Körper verbinden. Und auch die Antworten, die ich gebe, sind nicht mit meinem Körper verbunden. Ich sage dann etwas, um die Tortur hinter mich zu bringen, aber mit mir hat das nichts zu tun. Ein Gefühl als Quantität auf einer Skala abzubilden, ist nichts, was in meinem Seelenleben vorkommt. Wenn ich ein Gefühl ausdrücken will, schreibe ich ein Gedicht und bemühe mich um gute Metaphern. Dass meine Anbindung an die verschiedensten gesellschaftlichen Systeme und Institutionen immer mehr über solche unpersönlichen Fragebögen, Testungen und Formulare abgewickelt wird, gibt mir das Gefühl, dass etwas ganz Wesentliches an meinem Menschsein missverstanden wird.

 

Ich habe dann manchmal auch den Eindruck, dass irgendwas mit mir nicht stimmt, weil das, was in mir vorgeht, sich einfach nicht in dem ausdrückt, wie es abgefragt wird, oder umgekehrt, weil ich ständig, wenn ich einfach drauflosrede, das falsche Format liefere.  

 

Mein eigentliches Seelenleben, das ich nur in einer anderen Art des Redens ausdrücken kann, wird dadurch mehr und mehr zu einem Ort des Exils. Ich spüre das immer deutlicher.

 

In meinem Beharren auf die Einzigartigkeit meines Seelischen komme ich mir auch ein bisschen vor wie ein Freak, wie ein Querulant, der im rund laufenden Getriebe der gesellschaftlichen Algorithmen eine lästige Störvariable ist. Das macht mich bisweilen auch etwas einsam in der Welt, aber keineswegs resignativ.  

 

Andreas Steininger

Psychoanalytiker im Neuen Lacan´schen Feld Österreich - Initiative Wien

 

Algorithms and loneliness

 

It used to be quite funny for me to solve brainteasers or arithmetic problems. When I studied psychology at university, I was confronted with all kinds of statistical methods and reacted with my playful streak. I enjoyed the calculations and explained this and that to my fellow students. I could play with the numbers carefree and innocently because I had no idea they had anything to do with my soul life. 

 

But when I realized that numbers in the field of the soul were slowly gaining acceptance, I lost my unconcern and the numbers became creepy. Something in me began to resist. People are spontaneous, have a free will, you can never really predict how they will experience or behave or how they will think. You hurt a person if you write him down on something or classify him in a category. One reacts to it with resistance, with subversion or in the worst case with resignation and lethargy. History with all its revolutions proves that people are free spirits and last but not least unpredictable.

 

And Freud's discovery of the unconscious goes in the same direction. One is never safe from one's unconscious, from the fact that what one believes in cannot be thrown out of the pile again, from the fact that something different comes out of one than what one expected, that something new can come out of it.

 

The algorithms don't care about such doubts and objections. They rule in their sheet metal housings with iron hardness and only what they counted on comes out of them. But that also makes them very autistic rulers, who don't have any social ties to the people for whom they make decisions. They know nothing of the human emotions, know no compassion, no indulgence, no inhibitions, no understanding of the individual case, know nothing of the misery out of which people often act and nothing of how much life is often determined by coincidences.

 

I always feel uncomfortable when I meet people who act as assistants to algorithms, as selective data collectors, for example, or as mouthpieces of algorithms, when they tell me the results of computer decisions. This happens to me when I sit with any officials, clerks, or doctors, etc. and the people I'm dealing with mainly stare at a screen. I then regularly feel unwell, because then it is no longer clear to me where the machine ends and my counterpart begins as a human being. Not only does that seem rude to me when I'm not looked at while talking. It's creepy to me that I'm asked questions that I'm only supposed to answer with yes or no, or that I'm supposed to give any number between 1 and 10 as an answer. I usually cannot connect such questions with my body. And also the answers I give are not connected with my body. I then say something to get the ordeal behind me, but it has nothing to do with me. To depict a feeling as quantity on a scale is nothing that occurs in my soul life. When I want to express a feeling, I write a poem and try to find good metaphors. The fact that my connection to the most diverse social systems and institutions is increasingly handled through such impersonal questionnaires, tests and forms gives me the feeling that something quite essential about my humanity is misunderstood.

 

Sometimes I also get the impression that something is wrong with me, because what is going on inside of me simply does not express itself in the way it is queried, or vice versa, because I constantly supply the wrong format when I simply go on talking. 

 

My actual soul life, which I can only express in a different way of speaking, becomes more and more a place of exile. I feel this more and more clearly.

 

In my insistence on the uniqueness of my soul I also feel a bit like a freak, like a troublemaker, who is an annoying disruptive variable in the running gear of social algorithms. This sometimes makes me a bit lonely in the world, but by no means resigned. 

 

Andreas Steininger

 

Psychoanalyst in the New Lacanian Field Austria - Initiative-Vienna

 

 

Hier können Sie sich zum Forum ANMELDEN