"Außen-Kind" von Dini Vromen

Blogbeitrag zum Forum von ZADIG-WIEN mit dem Titel "WIR ALLE SIND EXILANTEN" am 6.4.2019

 

Als ich 13 Jahre alt war, musste ich das Haus meiner Mutter verlassen und lebte drei Jahre in einem Kibbuz, an „einem anderen Platz“. Der Weg zum „anderen Platz“ dauerte zwei Stunden mit dem Autobus, aber für mich durchquerte er viele Weltalle. Jedes dritte Wochenende machte ich mich diesen Weg, von meiner grauen, lärmenden, engen, aber mir freundlich gesinnten und bekannten Stadt, durchquerte viele landwirtschaftliche Siedlungen und Gebiete, Zitrushaine, zurück zum „anderen Platz“. Ich erinnere mich als ein kleines, mageres Mädchen, die große Tasche schleppend, den Hügel aufsteigend und auf dem, von Zypressenbäumen gesäumten Kiesweg in Richtung der weißen, niedrigen, von Blumenbeeten umgebenen Häusern gehend, welche die Häuser der Kindergemeinschaft waren, oder in der Sprache der Kibbuz-Bewohner: die „Institution“. Die Institutionen, die als autonome Kinderkommune geleitet wurde, gehörte zum Kibbuz, war aber auch getrennt von ihm: Während des Tages hatten die Erwachsenen Zutritt als Pädagogen oder Pfleger, aber ab vier Uhr nachmittags wurde sie ein autonomes Reich, in der nur die Kinder herrschten. Die Gesetze waren die des Kibbuz, vermischt mit der besonderen, rigiden Deutung der fanatischen, quasi-fundamentalistischen Gesetze der Jugendgesellschaft, die sich für die Elite des Landes, die Allerbesten, die Crème de la Crème hielten. Sie waren diejenigen, die die Ideen und die Werte, von denen ihre Eltern und Großeltern träumten, verwirklichten.

 

Diese Kinder waren in ihren Augen (und bis in die 80er Jahre auch in den Augen der israelischen Gesellschaft) die Inkarnation des neuen und schönen Israel, das versuchte, sich vom Bild des früheren wandernden Diasporajuden zu trennen. Sie bearbeiteten den Boden, waren Sozialisten, braungebrannt, physisch und psychisch gesund und fast immer europäisch - aschkenasischer Abstammung.

 

Ich kam in den Kibbuz als Teil einer langen Tradition, in der Kinder, die nicht in ihren Familien bleiben konnten, aufgenommen wurden, und kam zu der Gruppe der Kibbuz-Kinder, da ich in Israel geboren, europäischer Abstammung und aus einem „normativen, bürgerlichen Haus“ war.

 

Parallel zu meiner gab es eine andere Kindergruppe, „die Kinder der Aliat Hanoar“, die meisten orientalischer Abstammung, aus Entwicklungsstädten und aus sozial schwachen Familien. (Sie eigneten sich von Anfang an nicht, Kibbuz-Mitglieder zu werden und waren in einer gesonderten Gruppe). Ich kam einsam und verängstigt zu einem Platz, dessen Gesetze ich nicht verstand und an dem ich mich fremd und nicht zugehörig fühlte. (Ich war nicht zugehörig, weil ich fremd war, nicht dort geboren, allein und ohne Familie). Ich sprach die Sprache nicht, obwohl wir alle hebräisch sprachen. Als jemand, der in einem revisionistischen (Anhänger der rechten Jabotinski und später Begin-Partei) Haus aufwuchs, war mir die Begriffswelt fremd und zwar in allen Bereichen meines Lebens: Ich fiel durch meinen schmächtigen, blassen und dünnen Körperbau in einer Welt auf, die körperliche Arbeit bewunderte, meine feingliedrigen Hände waren voller Blasen nach der Baumwoll- oder Orangenernte, meine Fußsohlen verweigerten sich der Gewohnheit barfuß zu gehen und waren von Stoppeln und Steinen wund. Meine blasse Haut weigerte sich, sich zu bräunen, wurde rot, schälte sich und schaute danach wieder weiß und „städtisch“ aus. Ich war nicht für die geachteten Landwirtschaftsarbeiten geeignet, schon gar nicht für die aristokratische Arbeit im Kuhstall, zu der nur die Privilegierten eingeteilt wurden. So blieben für mich nur die weniger geschätzten, meist weiblich besetzten Dienstleistungsjobs im Speisesaal, der Wäscherei oder in den Kinderhäusern übrig.

 

Immer galt ich als „von außen“, die Fremde, die nicht dazugehörte: unpassende Kleidung, Stimme, Blick, Gehweise. Alles an mir schrie schon von weitem „Kind von außen“ und so war ich.

 

Dini Vromen,

Tel Aviv

 

When I was 13 years old, I had to leave my mother's house and lived three years in a kibbutz, "another place". The way to "another place" took two hours by bus, but for me it passed though many universes. Every third weekend I made my way back from my grey, noisy, tightly packed city, that to me was friendly and well-known. On the way, I passed many agricultural settlements and areas, citrus groves, until I arrived back at the "other place". I remember myself as a small, skinny girl, dragging the big bag, ascending the hill and walking along the pebble path surrounded by cypress trees towards the white low houses surrounded by flower beds, which were the houses of the children's community, or in the language of the kibbutz inhabitants, the "institution".

 

The institution, which was run as an autonomous children's commune, was part of the kibbutz, but was also separate from it: during the day the adults had access as teachers or caretakers, but starting from 4 o'clock in the afternoon, it became an autonomous empire in which only the children ruled. The laws were those of the kibbutz mixed with the special, rigid interpretation of the fanatical, quasi-fundamentalist ones of the youth society, which considered itself the elite of the country, the very best, the crême de la crême. They were the ones to realize the ideas and values their parents and grandparents dreamed of.

 

These children were in their eyes (and until the 80's also in the eyes of Israeli society) the incarnation of the new and beautiful Israel that tried to separate itself from the traditional image of the wandering diaspora Jew. They worked the soil, were socialists, tanned, physically and mentally healthy and almost always European – of Ashkenazi descent.

 

I came to the kibbutz as part of a long tradition according to which children who could not stay in their families were taken in, and I came to the group of kibbutz children because I was born in Israel, of European descent and from a "normative, bourgeois house".

 

Parallel to me there was another group of children, "the children of Aliat Hanoar", most of them of oriental descent, from developing cities and from socially weak families. (Right from the start, they were not suitable to become kibbutz members and were in a separate group). I came lonely and frightened to a place whose laws I did not understand and in which I felt strange and foreign. (I did not belong because I was a stranger, not born there, alone and without a family). I did not speak their language although we all spoke Hebrew. As someone who grew up in a revisionist (supporters of the right-wing Jabotinski and later Begin Party) house, the terminology was foreign to me in all areas of my life: I stood out with my slender, pale and thin physique, in a world that admired physical labor, my delicate hands were full of blisters after the cotton or orange harvest, my soles refused the habit of walking barefoot and were sore from walking on stubbles and stones. My pale skin refused to tan, turned red, peeled, then looked white and "urban" again. I was not suitable for the respected agricultural work, especially not for the aristocratic work in the cowshed, to which only the privileged were assigned. Thus, what remained for me to do were the less valued, mostly female service jobs in the dining room, laundry or children's houses.

 

I was always regarded as "from the outside", the outsider who did not belong: unsuitable clothes, voice, gaze, way of walking. Everything in me screamed "child from the outside" already from afar and so I was.

 

 

 

Dini Vromen

 

Tel Aviv

 

 

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