"Exilierte Erinnerungen" von Maja Geiling

Blogbeitrag zum Forum von ZADIG-WIEN mit dem Titel "WIR ALLE SIND EXILANTEN" am 6.4.2019

 

Mehrmals bin ich bisher in meinem Leben mit der Frage konfrontiert worden: „Maja, kannst du dich noch an die Zeit vor dem Krieg erinnern?“ Ich war damals vier Jahre alt, als ich mit meiner Familie vor dem Bosnienkrieg nach Österreich geflohen bin. Häufig frage ich mich: Sollte ich mich an meine Kindheit in Bosnien erinnern können?

 

Können sich andere Kinder an ihre Kindheit vor dem vierten Lebensjahr erinnern? Manchmal, wenn ich andere Leute frage: „Könnt ihr euch an eure Kindheit vor dem vierten Lebensjahr erinnern?“, sagen diese: „Ja schon, du etwa nicht?“ In diesen Momenten lüge ich und sage: „Ja, natürlich!“ Aber die Erinnerungen, die bestehen, sind wie „Löcher“ in meinem Kopf. Erinnerungen, die ich manchmal in eine Art „witzige Anekdote“ verpacke, damit sie erträglicher sind. Doch durch die Blicke der Leute, die mir dann zuhören, habe ich das Gefühl, es ist dann gar nicht so witzig. Also warum schön verpacken!? Die Dinge sind einfach passiert, weil Krieg war.

 

Und dann denke ich häufig an die Ankunft in Österreich. Diesen Tag habe ich letztens im Gespräch mit einer Freundin als „Tag eins“ bezeichnet. Ein Tag, der sich so anfühlt, als wäre man „neu geboren“ worden. Von diesem Tag an sind alle meine Erinnerungen vorhanden, schöne und nicht sehr schöne. Jedenfalls keine Löcher.

 

In einem wissenschaftlichen Artikel habe ich einmal gelesen, dass das möglicherweise eine Schutzfunktion des Gehirns sein könnte, sich nicht an Schlechtes zu erinnern. Aber das trifft in meinem Fall nicht zu, denn weg sind diese Erinnerungen nicht, sie sind wie „Löcher in meinem Kopf“.

 

Maja Geiling

Mitglied im Neuen Lacan’schen Feld Österreich – Initiative-Wien

 

„Exiled Memories“

 

 

 

Often in my life people ask me: Maja, do you remember the time before the war started?“. I was 4 years old when I left my home country Bosnia and Hercegovina with my family because oft the war.

 

Often I ask myself if I should remember my first years of childhood in Bosnia. Therefore, I also ask myself if other children can remember their time before their age of 4 years.

 

Sometimes I ask other people: Do you remember the time before your age of 4 years? They tell me:  Of course I do, don`t you? In this very moment I am lying by telling them that I remember.

 

But these memories only exist as „wholes in my head“. Memories I put in relation with a fun anecdote from the past so that they are easier to bear for the body.

 

But when the people are looking at me, the stories don`t seem to be „funny“ at all.

 

 

 

So why am I lying by telling these stories? It was war and things just happen when there is war.

 

 

 

Then I often think of my arrival in Austria. Recently I spoke to a collegue of mine by describing her my arrival as the so called „DAY ONE“ .

 

Thinking about this day makes me feel like „new born “. From this very day all my memories are existing, the good and the bad ones. They don`t feel like „wholes in my head“.

 

 

 

Once I red in an research article that the function of „Forgetting bad memories“ might be some kind of a protection for the body oft he brain. But this doesn`t really fit in my case because the memories are not gone, they are like „wholes in my head“.

 

 

Hier können Sie sich zum Forum ANMELDEN