"Das sardonische Lächeln" von Christian Kohner-Kahler

Blogbeitrag zum Forum von ZADIG-WIEN mit dem Titel "WIR ALLE SIND EXILANTEN" am 6.4.2019

 

„Wegschauen bei antijüdischer Gewalt“ – so lautet der Titel eines Kommentars des Zeithistorikers Gerhard Botz in der österreichischen Tageszeitung DER STANDARD vom 10./11.11.2018. Er protokolliert darin die Ereignisse des Judenpogroms vom 10. November 1938 in Österreich – den Exzess einer Lust an Niedertracht, Enthemmung und Gewalt: öffentliche Erniedrigungen, Plünderungen und Brandschatzungen jüdischer Geschäfte und Wohnungen, die Zerstörung von 42 Synagogen allein in Wien, tausende Verhaftungen mit anschließender Deportation in Konzentrationslager. Der Irrsinn einer Masse, deren scheinbare Einheit verloren geht, sobald man beginnt die zigtausend Akte singulärer Entmenschlichung zu sprechen – einen, noch einen, den nächsten usw., jeden für sich.

 

Der Zeitungsext ist mit einer Schwarzweiß-Aufnahme illustriert, ein stilles Dokument der Erniedrigung am helllichten Tag (der Großteil der Gewalt an der jüdischen Bevölkerung sei nicht „in dunkler Nacht“ geschehen, wie Botz schreibt, sondern „im hellen Licht des Tages auf eine schreckliche Weise.“). Unter der Aufsicht eines Uniformierten (vermutlich eines SA-Mannes) folgt „die Wiener Bevölkerung“ von Jung bis Alt einer jungen Frau, die rechts vom Uniformierten geht, durch die Taborstraße – der großen Geschäftsstraße in der Leopoldstadt, dem historisch-jüdischen Viertel Wiens. Sie trägt einen Karton, den man ihr um den Hals gebunden hat, mit der Aufschrift: „Dumm und gemein kauf ich noch beim Juden ein.“ Diese Frau wird als Boykott-„Brecherin“ tituliert, offenbar selbst keine Jüdin, bloß eine, die beim Juden eingekauft hat. Das Foto ihrer Erniedrigung ist das Dokument eines Anschwellens, das Kollektivieren singulär enthemmten Genießens in der gemeinsamen Aktion. Diese „Wiener-Parade“ der Verhöhnung und Demütigung, geschah bereits Wochen vor den Novemberpogromen, im Oktober. Triebdurchbrüche, die sich in Österreich bereits seit dem „Anschluss“-Taumel im März signifikant gehäuft hatten. „Es-wird-a-Wein-sein-Wien“ zeichnete sich dabei als die dreckigste Stadt des Deutschen Reiches aus. Es erinnert uns noch heute, wie dünn der Firnis der Zivilisation ist, die boshafte Süffisanz menschlicher Abgründe. Dort war es „…wie bis damals nirgendwo im Deutschen Reich zu Szenen roher Gewalt, zu Beraubung und symbolischen Demütigungen („Reibpartien“) gekommen. Aber das war nicht (direkt) von deutschen Nazis angestoßen worden, sondern spontan vor Ort entstanden.“

 

Am linken Bildrand und rechts von der erniedrigten Frau geht ein Mann mit Schirmkappe, der sein Gesicht der Frau zugewandt hat, um sie mit einem boshaften Lächeln zu begleiten. Was sagt uns dieses Gesicht? Ist es das frivole Antlitz eines einstmals netten Menschen von Nebenan, das uns unmaskiert so den Kern seines Wesens im Augenblick seiner Wahrheit zeigt? Ist es das Gesicht des „Nebenmenschen“, wie Freud 1895 im Entwurf einer Psychologie schreibt, das erste Befriedigungsobjekt und das erste feindliche Objekt? „Am Nebenmensch lernt darum der Mensch erkennen.“ (Freud, GW, Nachtr.Bd., 426).

 

Wir können nicht wissen, was dieser Mann in diesem Moment gefühlt hat, doch strahlen seine Gesichtszüge etwas Komfortables aus. Da hat wer seine Freud´, da fühlt sich einer wohl, während neben ihm der Wiener Mob einer Frau zusetzt. Wir können annehmen, dass er nicht weiß, was ihm gefällt. Die Frau, ihre Erniedrigung, sein Komfort oder nicht an ihrer Stelle sein zu müssen? Einerlei, je weniger er weiß, umso größer der Komfort, umso herrlicher die Lust am Augenblick. Etwas von seinem Intimsten ist gerade dort, wo er nicht sein will – in diesem Moment, am Platz der gedemütigten Frau, berührt ihn etwas Eigenes und doch gänzlich Fremdes.

 

In Extimité erinnert Jacques-Alain Miller daran: Das „Innerste“ (the most interior) erscheint in seiner Qualität als Äußeres (exteriority). Dieses Äußere-Innerste nimmt Gestalt an durch den Anderen, als fremder Körper, als Parasit (JAM). Kann dieser Mann lächelnd genießen, weil er seinem ihm nicht erträglichen Eigenst-Innersten nun in Gestalt dieser Frau als Parasit auf Distanz begegnet – im Exil eines fremden, geschundenen Körpers? Ist da etwa der Moment eines Erschreckens dabei, der aus seinem Lächeln ein sardonisches macht?

 

Einerlei, dem Wiener schlägt sein Herz am rechten Fleck, gerade dann, wenn er auf Kosten des Anderen genießen kann. Dafür braucht es keine großen „Abrechnungen“, mir etwa genügen da schon die kleinen Rück- und Heimzahlungen, die ich dem Anderen, mehr als mir nachträglich lieb ist, maliziös in Rechnung stelle – all die kleinen Akte boshafter Heiterkeit meines goldenen Wienerherz´.

 

 

 

Christian Kohner-Kahler

 

Psychoanalytiker, Bewährungshelfer

Mitglied im Neuen Lacan´schen Feld Österreich - Initiative Wien

 

 

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