"Los-Ziehen" von Andrea Seiringer

Blogbeitrag zum Forum von ZADIG-WIEN mit dem Titel "WIR ALLE SIND EXILANTEN" am 6.4.2019

 

Bilha ist ein eineinhalb-jähriges Mädchen, das in Österreich zur Welt gekommen ist. Ihre Mutter und Großmutter stammen aus der ehemaligen Sowjetrepublik und leben seit zirka zehn Jahren in Österreich. Aufgrund familiärer Umstände lebt Bilha seit mehr als sechs Monaten vorübergehend in einer Krisenpflegefamilie.

 

Jede Woche kommen die Mutter und Großmutter in Begleitung ihrer muttersprachlichen Betreuerin zu den begleiteten Besuchen mit Bilha. Trotz der Armut wird Bilha jede Woche reich beschenkt, vorwiegend mit Kleidung und Nahrung. Zu jedem Besuch trägt Bilha neue Kleidung, die sie zuvor von ihrer Familie bekommen hat, und zu jedem Besuch tragen die Mutter und Großmutter die Kleidung, die sie auch in den Wochen und Monaten zuvor schon getragen haben.

 

Bilhas Familie lebt in einer Asylunterkunft und wartet auf die Aufenthaltskarten, deren Aushändigung ihnen zugesichert worden ist. Zuerst habe ich mich darüber gefreut, dass sie diese nun bald bekommen. Mittlerweile weiß ich gar nicht mehr, ob diese Aufenthaltskarte das große Los ist. Ohne Aufenthaltskarte dürfen sie nicht arbeiten gehen. Sobald sie aber die Karten haben, müssen sie binnen zehn Tagen aus ihrer Unterkunft ausziehen. Für eine neue Wohnung müssen sie aber drei Lohnzettel vorlegen. Drei Lohnzettel in zehn Tagen? Ohne die Aufenthaltskarte bekommen die beiden von keiner offiziellen Stelle finanzielle Unterstützung für Kaution und Miete.

 

Und trotzdem kommen die Mutter und Großmutter jede Woche und beschenken und versorgen Bilha. Jede Woche bedanken sie sich bei der Krisenpflegemutter, weil sie gut für die Kleine sorgt und jede Woche ist es der gleiche Schmerz, der in ihren Gesichtern zu sehen ist. Vor wenigen Tagen fand wieder ein begleiteter Besuch statt. Wie in all den Wochen und Monaten zuvor hatten sie Kleidung für Bilha mit und eine große Tasche mit selbstzubereiteten Speisen.

 

Es war der letzte Besuch vor Weihnachten, das erste Weihnachten für Mutter und Großmutter, das sie ohne Bilha verbringen. Mutter und Großmutter holten auch noch zwei Weihnachtssäckchen aus ihren Taschen und überreichten diese der Krisenpflegemutter und mir und wünschten uns frohe Weihnachten. Ich war überrascht, erfreut und beschämt zugleich. Ich hatte nichts für sie. Kein Geschenk und außer einem Danke auch keine Worte.

 

Wir alle sind Exilanten - diese Familie auf ihre Weise, über die ich nichts sagen und schreiben kann, und ich mit meiner Sprachlosigkeit. Sprachlos darüber, wie es der Familie gelingen soll, drei Lohnzettel in zehn Tagen zu bekommen, und sprachlos über meine Sprachlosigkeit, die mir einerseits vertraut und gleichzeitig immer wieder fremd ist.

 

Bilha wiederum war 90 Minuten in Bewegung, nicht nur mit ihrem Körper bewegt sie sich durch das Besucherzimmer, sondern auch mit ihren Versuchen, Dinge zu benennen und sei es nur, dass sie vor sich hinplappert.

 

Andrea Seiringer

Sozialarbeiterin

Mitglied des Neuen Lacan’schen Feldes Österreich - Initiative-Wien

 

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