"Sechshundertachtzig Euro Strafe" - von Birgitta Steininger

Blogbeitrag zum Forum von ZADIG-WIEN mit dem Titel "WIR ALLE SIND EXILANTEN" am 6.4.2019

 

„Sechshundertachtzig Euro Strafe!“ Die drei Männer reden aufgeregt durcheinander, in Dari.

 

„Wer muss sechshundertachtzig Euro Strafe zahlen?“, frage ich.

 

Herr G., er spricht ein bisschen Deutsch, deutet auf einen 20-jährigen Mann, Herrn P. Der sieht mich an und nickt.

 

„Warum?“

 

Herr G. schüttelt den Kopf. Er ist verärgert. Ich verstehe nicht, worüber.

 

„Das ist viel! Viel Geld!“, sage ich. „Warum müssen Sie Strafe zahlen?“

 

Herr P. versteht mich nicht. Herr G. setzt an, mir den Sachverhalt zu erklären: „P. mit Zug Salzburg.“

 

Ich nicke.

 

„Zug falsch. P. Passau. Deutschland! Darf nicht! Nicht Deutschland!“

 

Die drei Männer holen einen vierten dazu, der etwas besser Deutsch spricht, und schließlich schaffen sie es, mir folgende Geschichte zu erzählen.

 

Herr P. will mit dem Zug nach Salzburg fahren. Leider steigt er in den falschen Zug und ist nach Passau unterwegs. Als Herrn P. das klar wird, ist er sehr aufgeregt, aber er ahnt noch nicht, dass Passau in Deutschland liegt. Herr P. ist Analphabet. Er hat nie lesen und schreiben gelernt, auch nicht in seiner Sprache. Er kann auch noch nicht Deutsch und darum klappt es so gar nicht, als er versucht, dem Schaffner seinen Irrtum zu erklären. In Passau wartet die Polizei auf Herrn P. Er hat einen gültigen Fahrschein nach Salzburg in der Tasche, aber das nützt ihm auch nichts. Herr P. landet in einer Arrestzelle.

 

Weil es Herrn P. als Asylwerber verboten ist, nach Deutschland zu fahren oder weil er mit einem falschen Ticket im Zug saß oder wegen beidem, da sind sich die Männer nicht einig, jedenfalls muss Herr P. 680 Euro Strafe bezahlen.

 

„Wie zahlen Sie?“, frage ich. „Sie haben kein Geld.“

 

„Betreuer sagt, P. muss zahlen. Er hat 150 Euro im Monat. 50 Euro weg für Strafe. Jede Monat. Viele Monat.“ Herr G. schüttelt verärgert den Kopf.

 

Ein Analphabet, der kein Deutsch spricht, und keine Ahnung von Geografie hat, wird zu 680 Euro Strafe verdonnert. Ja, Unwissenheit schützt vor Strafe nicht, ich weiß. Das habe ich schon als Kind kapiert. Aber was ich auch schon als Kind kapiert habe, ist, dass es verständige Menschen gibt. Solche, die das Gesetz nicht über die Menschlichkeit stellen. Solche, die auch berücksichtigen, unter welchen besonderen Umständen, mit welchen Absichten, es gebrochen worden ist. Nun, Herr P. hatte nicht die Absicht, das Gesetz zu brechen, und Umstände gibt es bei ihm sehr besondere – so besondere, dass es schon einiges an Fantasie braucht, sich auszumalen, wie es wohl sein mag, sich in unserer Welt zurechtzufinden, ohne lesen, ohne schreiben, ohne Deutsch.

 

Die Geschichte irritiert mich. Das bin ich nicht gewohnt. Da waren doch einige Leute involviert: Bahnmitarbeiter, deutsche Polizeibeamte, österreichische Polizisten, Flüchtlingsbetreuer. Gewohnt bin ich, dass bei so vielen Beteiligten sicher ein Mensch dabei ist, der Herrn P.s Besonderheit berücksichtigt. Einer, der sich für ihn einsetzt. Ein verständiger Mensch eben, der für Herrn P. spricht, argumentiert, die anderen beruhigt, überzeugt, dass hier die Erfüllung des Gesetzes nicht passt.

 

Mein wohliges Gefühl, in einer Gemeinschaft aufgehoben zu sein, in der man sich darauf verlassen kann, auf so einen Menschen zu treffen, wenn einem Unrecht widerfährt, hat einen Riss bekommen. Kalt fühlt sich das an und ungewohnt, fremd, schon ein bisschen Exil.

 

Birgitta Steininger

Mitglied im Neuen Lacan’schen Feld Österreich – Inititative-Wien

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Kommentare: 1
  • #1

    Gustav Steininger (Freitag, 04 Januar 2019 15:04)

    Krasse Strory.