"(Not) wanting to know" von Sarah Birgani

Blogbeitrag zum Forum von ZADIG-WIEN mit dem Titel "WIR ALLE SIND EXILANTEN" am 6.4.2019

 

„Don’t go along this way. For you it is dangerous because you are white. There is a dog, a very aggressive dog, and this dog only bites white people“, ruft mir ein Mann in Sri Lanka nach. Ein segregativer Hund, der nach Hautfarbe unterscheidet? Nun, wohl eher nicht. Jedoch Segregation und Rassismus, das sind Phänomene, die sich auf der ganzen Welt auf je spezifische Art und Weise manifestieren. Wie kann das sein? Es hat etwas damit zu tun, dass jeder Mensch rassistisch ist. Das, was mein Innerstes ausmacht, ist draußen, beim Fremden, beim Anderen. Ich weiß nichts über meine Eigenart, sehr wohl aber weiß ich die Eigenart des Anderen abzulehnen. Dies hat eine Konsequenz, es stellt die Frage nach einer Verantwortung, der Verantwortung des Einzelnen, sich zu seinem partikularen Rassismus zu positionieren.

 

Gil Caroz hat einen Vortrag mit dem Namen Fear of the Stranger gehalten und ich glaube, es ist nicht zufällig, dass er diesen Vortrag in Wien gehalten hat. Er hat dabei Freuds Briefwechsel mit Einstein zitiert, der die Frage aufwirft: Warum Krieg? Diese Frage zu stellen, hat etwas mit not wanting to know, einer fundamentalen Ablehnung des Menschseins an sich zu tun. Je weniger der Einzelne über seine eigene Tendenz zum Krieg weiß, desto größer ist die Gefahr eines Krieges.

 

Im Moment gibt es tatsächlich einen Krieg, es ist der Krieg gegen den Anderen, gegen den Schutzbefohlenen, um es mit Jelineks Worten zu sagen. Es reicht an dieser Stelle nicht, anzuerkennen, dass es einen fundamentalen Rassismus in jedem Einzelnen gibt – dies würde bedeuten, zu akzeptieren, dass es Segregation gibt, zu akzeptieren, dass es Rassismus gibt, und sich damit abzufinden – not wanting to know. Deshalb ist es unablässig, dass an dieser Stelle eine Frage auftaucht, dass etwas von dem not wanting to know durchbrochen wird. Eine Frage, die jeder für sich formulieren muss. Eine Frage, da, wo alles wunderbar rational und selbsterklärend wirkt. Denn die segregativen Diskurse im aktuellen Zeitalter sind tückisch – sie arbeiten auf eine Art und Weise, die nicht offensichtlich ist, die verharmlost und banalisiert.

 

Wanting to know. Ich bin mit einem Vater aufgewachsen, dessen Muttersprache nicht die meine ist. Wenn er Farsi gesprochen hat, habe ich interessiert dem Klang seiner Worte gelauscht, ohne zu verstehen. Ich habe dabei erfahren können, wie nahe das Fremde beim Vertrauten liegt. Im Zuge meiner Analyse habe ich noch etwas Anderes erfahren: Das Fremde liegt auch in mir. Indem die Praxis der Analyse das not wanting to know löchert, arbeitet sie per se gegen Formen des Rassismus und der Ausgrenzung.

 

Sarah Birgani

Studentin und Mitglied

im Neuen Lacan’schen Feld Österreich – Initiative-Wien

 

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