"Politisch korrekt sein" ist nicht genug - Andreas Steininger

Blogbeitrag zum Forum von ZADIG-WIEN mit dem Titel "WIR ALLE SIND EXILANTEN" am 6.4.2019

 

Wenn Menschen sich organisieren, tun sie das oft um ein Ideal herum. „Politisch korrekt sein“ ist beispielsweise so ein Ideal. Man einigt sich, oft ohne das ausdrücklich zu formulieren, darüber, was man sagen darf und was nicht. Hält man sich an das Ideal, hat man eine gewisse Sicherheit, nicht ausgestoßen zu werden.

 

Ich habe kürzlich in diesem Blog etwas geschrieben, das keineswegs politisch korrekt war. Ich bin nämlich der Meinung, wir brauchen nicht unbedingt Schwarze, Juden oder Flüchtlinge, um uns als Rassisten zu erweisen. Wir können etwas viel Naheliegenderes heranziehen: das Geschlechterverhältnis. Der Vorläufer des modernen Rassismus, so sieht es Jacques-Alain Miller, liegt im Geschlechterverhältnis. Davon habe ich ein Zeugnis gegeben.

 

Mein Innenleben spielt sich nicht politisch korrekt ab. Die Dinge, so wie man sie sich denkt oder phantasiert, sagt man nicht einfach in der Öffentlichkeit. Sowas sagt einem das Taktgefühl. Es braucht dafür schon bestimmte Kontexte, in denen das möglich ist, eine Psychoanalyse beispielsweise, Literatur, ein Theaterstück oder eben diesen Blogbeitrag. Ich gehe nicht davon aus, dass das Ideal des „politisch Korrekten“ derart wirkmächtig ist, dass es sich bis in die Abläufe des Innenlebens oder sogar des Unbewussten eines Menschen hineinschreibt.

 

Ich bekam umgehend einen Kommentar, der an meinem Text Anstoß nahm. Und tatsächlich schreibe ich, dass ich den Körper des anderen nur für meinen Genuss gebrauchen will. Für einen ganz bestimmten Genuss, den es, wenn man ganz genau hinschaut, vermutlich nur bei mir gibt. Und dass mich das, was den anderen jenseits dessen, was mir Genuss verschaffen könnte, ausmacht - ob er oder sie das zum Beispiel überhaupt will - nicht kümmert. Ich verkürze es auf eine Formel: Dasjenige am anderen Körper, das sich meiner Möglichkeit, es zu genießen, entzieht, das ist für mich ein Abfall.

 

Ich meine, dass die Person, die meinen Text kommentiert hat, mit ihren Vorwürfen nicht Unrecht hat. Ich glaube, dass das soziale Band zwischen den Menschen tatsächlich von dieser Formel durchzogen ist, von den kleinsten bis hin zu komplexen Zusammenhängen des Gesamtpolitischen. Einen Säugling interessiert die Brust, ob sein Saugen der Mutter weht tut, interessiert ihn nicht. Eine Regierung will nur qualifizierte Zuwanderer. Dass ein anderes Land dafür Gesundheits-, Schul-, Universitätskosten usw. hatte, interessiert sie nicht usw.

 

Ich bin ein Teil von ZADIG (Zero-Abjection-Democratic-International-Group) und auch Teil einer politisch korrekten Community. Aber darin allein liegt nicht die Lösung. Das Ideal des „politisch korrekten“ Menschen bringt mich nicht auf die Seite der Guten, wo am anderen Ende des Spektrums die Feinde der Menschlichkeit sitzen.

 

Mein persönliches Zeugnis lässt mich nicht vergessen, dass mir am Ursprung meines Genießens der Andere und sein Anderssein egal ist. An diesem Platz ist jede und jeder allein und nur mit seinem Körper.

 

Andreas Steininger

Psychoanalytiker

im Neuen Lacan´schen Feld Österreich - Initiative Wien

 

"Being politically correct" isn't enough.

 

When people organize themselves, they often do so around an ideal. "Being politically correct", for example, is such an ideal. One agrees, often without explicitly formulating it, on what one is allowed to say and what one is not allowed to say. If you adhere to the ideal, you have a certain certainty that you will not be expelled.

 

I recently wrote something in this blog that was by no means politically correct. I am of the opinion that we do not necessarily need blacks, Jews or refugees to prove ourselves racists. We can use something much more obvious: gender relations. The forerunner of modern racism, Jacques-Alain Miller sees it, is gender.  I have given testimony to this.

 

My inner life is not politically correct. You don't just say things the way you think or fantasize them in public. That's what tact tells you. It needs certain contexts in which this is possible, such as psychoanalysis, literature, a play or this blog post. I don't assume that the ideal of the "politically correct" is so powerful that it inscribes itself into the unconscious.

 

I immediately received a comment, which took offence at my text. And in fact I write that I only want to use the body of the other person for my pleasure. For a very specific pleasure, which, if you look very closely, is probably only to be found in me. And that I don't care about what constitutes the other beyond what could give me pleasure - whether he or she wants it at all, for example. I shorten it to a formula: Whatever in the other body that is depriving itself of my opportunity to enjoy it is a waste for me.

 

I believe that the person who commented on my text is not wrong in his or her accusations. I believe that the social bond between people is indeed permeated by this formula, from the smallest to the most complex contexts of the overall political. An infant is interested in his breast, whether his sucking is hurting his mother, does not interest him. A government only wants qualified immigrants. They are not interested in the fact that another country had health, school, university, etc. costs for this.

 

I am a part of ZADIG (Zero-Abjection-Democratic-International-Group) and also part of a politically correct community. But that alone is not the solution. The ideal of the "politically correct" human does not bring me to the side of the good, where at the other end of the spectrum are the enemies of humanity.

 

My personal testimony doesn't make me forget that I don't care about the other and his otherness at the origin of my enjoyment. In this place each and everyone is alone and only with his body.

 

 

 

Andreas STEININGER

 

Psychoanalyst in the New Lacanian Field Austria - Initiative-Vienna

 

 

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