"Weltkarte" von Norbert Leber

Blogbeitrag zum Forum von ZADIG-WIEN mit dem Titel "WIR ALLE SIND EXILANTEN" am 6.4.2019

 

Das Wissen, das mich in sehr jungen Jahren interessierte, lag im Bett meiner Eltern, lag am Dachboden, verstreut in alten Kisten, lag in einem unfertigen Zimmer im Haus in einer riesigen Schachtel, voll mit Briefen und Dokumenten, lag im Reden der Erwachsenen, unter Steinen, die es schnell umzudrehen galt, lag in den Mädchen, für die ich mich schon sehr früh interessierte, für ihre Art zu reden, zu schauen, zu gehen, zu lachen, …

 

All die Wörter, die mich beschrieben, die sich durch mich hindurchschrieben, verfehlten ihre Wirkung und hinterließen doch ihre Spuren. Koordinaten. Das Reale des Geschlechts, die Tatsache, dass es unterschiedliche Geschlechter gibt, hat mich von klein auf veranlasst, diese Unterschiede mit meiner persönlichen Wahrheitssuche zu verbinden.

 

Im Süden Österreichs sind die Dinge, die in Wörtern gefangenen Dinge, nicht weniger kompliziert als in anderen Gegenden. Sie sind dort auf ihre eigene Art kompliziert. Meine Mutter war eine Windische. Ich hörte sie manchmal mit ihren Tanten und Cousinen in einer Sprache reden, die mir sehr nahekam, mich in Schwermut versetzte, als wäre da etwas Unerreichbares und gleichzeitig für immer Verlorenes. Meine Mutter gab mir keine Antwort auf die Frage, warum sie mit mir und meinem Bruder nicht in dieser Sprache gesprochen habe.

 

Von meinem Vater erfuhr ich vor wenigen Jahren, dass er bis zum Eintritt in die Volksschule, 1943, Windisch gesprochen hatte. Der „Nazilehrer“ zwang ihn Deutsch zu sprechen. Er sprach ein Jahr lang gar nicht. Stiller Protest eines Sechsjährigen. Wenn ich heute eine neue Sprache lerne, bin ich körperlich sehr aufgeregt. Die Abendlektionen im Sprechen mit einer Lehrerin oder einem Lehrer in der fremden Sprache versetzen meinen Körper und meine Gedanken bis spät in die Nacht in Unruhe.

 

Woher kommt diese Aufregung? Mich erinnert sie an jene jungen Jahre. Die Jahre der Mutproben. Etwas Gefährliches machen. Etwas Waghalsiges, den Hals wagend, etwas berühren, jemandem etwas sagen, z. B. der Nachbarin Schimpfwörter zurufen, deren Bedeutung sich erst in der Reaktion der Nachbarin offenbart hat, einem stärkeren Jungen Schmähworte sagen, ein Mädchen, das mir gefallen hat, anreden.

 

Das Sprechen des Körpers, das Sprechen der Körper, wird für mich am spürbarsten, wenn in einer Sprache gesprochen wird, die ich noch nie gehört habe, wo ich keinen Anhaltspunkt habe, keinen Laut verstehe. Dann erlebe ich mich wie zurückversetzt in eine noch frühere Zeit, wo riesige Andersheiten, nachträglich betrachtet sogenannte Erwachsene, miteinander gesprochen haben, offenbar sich aufeinander bezogen, sich manchmal in meine Richtung bezogen haben, und ich habe begonnen, daraus meine eigenen Mythen der Bedeutung zu basteln. 2015 kamen viele Menschen aus Ländern nach Europa und nach Österreich, deren Sprachen mir bis dahin unbekannt waren. Die Realität der Migration ist auch zu mir ins Krankenhaus gekommen, in dem ich auf einer psychiatrischen Station arbeite. Wir müssen sehr oft mit Dolmetschern arbeiten.

 

Ich traf auf dieses Reale der fremden Sprechweisen und Sprachen unvorbereitet, war diesem Sprechen ausgesetzt. Bis daraus allmählich ein für mich und meinen Körper wahrnehmender Unterschied zwischen zum Beispiel Farsi und Arabisch wurde, brauchte es mehr als 2 Jahre. Wenn ich jetzt manchmal Arabisch höre, spüre ich Lust, dieses Sprechen aus der Kehle nachzuahmen, mitzureden. Wenn ich Farsi höre, entsteht Vergnügen und ein Drang in dieses melodische Singen, in diesen Bach dahinplätscherndes Dribbeln der Worte, einzusteigen. Stolpernd irre ich durch die Koordinaten meiner Weltkarte.

 

Die Annäherung an den Ort in mir, der diese andauernde Suche im Realen der Worte orchestriert, dieses Loch, dieses Exil in den Worten des Anderen, erzeugt in meinem Fall weniger Angst, mehr Erregung und meist eine tiefe Wehmut. Ein Mut der weh tut. Wo und woher? In dem Moment, in dem ich mir diese Frage stelle, kommen mir die Worte meiner Oma väterlicherseits in Erinnerung. Eine stille, tief religiöse, auf ihre Art liebende Frau: "Ich lache lieber, anstatt zu weinen, denn wenn ich lache, tut es weniger weh."

 

Norbert Leber

Psychoanalytiker

im Neuen Lacan´schen Feld Österreich - Initiative Wien

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Karin Brunner (Samstag, 29 Dezember 2018 18:11)

    In seiner ganz speziellen Poesie, ein umwerfend, berührender, verdichteter Text.
    Hg
    Karin




  • #2

    Monika (Dienstag, 01 Januar 2019 08:39)

    Ein Text der einem zeigt, wie man das Anderssein nachspüren kann.