"jung, weiß, männlich" von Markus Zöchmeister

Blogbeitrag zum Forum von ZADIG-WIEN mit dem Titel "WIR ALLE SIND EXILANTEN" am 6.4.2019

 

Alles Gute, schöner weißer Mann!

 

Jung, weiß, männlich. Privilegiert. Mein Privileg ist mein Exil. Das zu sagen ist kokett. Mein Exil ist mein Privileg. Jung, weiß, männlich. Mir steht alles offen. Von Beginn an war das so. Auf die Butterseite des Lebens gefallen. Als der jüngste von drei Söhnen in das gemachte Nest geboren. Dafür wurde ich von den beiden Brüdern immer schon beneidet. Du hast Dir nichts erarbeitet. Sagten sie. Alles war schon da. Alles? Ich genoss meine Privilegien. Ich genoss mein Exil. Mein Schuldgefühl.

 

Alles scheint möglich zu sein. Nichts verwehrt. Die Institutionen zogen an mir vorüber, Kindergarten, Schule, das verlief nicht immer ohne Probleme. Aber ich war jung, weiß und männlich. Vom Bundesheer war ich befreit. Dann die Universität, Studentenleben, eine Frau, das erste Kind und Arbeit. Alles oder fast alles lief wie geschmiert. Kaum Sand im Getriebe. Ein Leben voller Privilegien. Die erste Arbeit, ich stützte Rentner; bewegte Menschen, die sich nicht rühren konnten. Dann die zweite Arbeit, parallel dazu, in einem Haus, das einer der Besucher des Hauses das letzte Café im Universum nannte. Es gab viele Verrückte dort.

 

Die hatten es mir angetan. Konnten mir was erzählen. Etwas traf mich dort in dem Haus, das ich ein Zuhause nannte. Ein Refugium meines Exils. Als ich von dort wegging, war ich immer noch jung, weiß und männlich. Dann begann ich mit jungen Schutzbefohlenen zu arbeiten, sie waren geflohen aus der ganzen Welt und sie kamen zu uns. Ich war ein wenig stolz darauf, dass sie ausgerechnet zu uns kamen. Da erzählte mir ein unansehnlicher junger Bursche mit einer Hasenscharte, ein jüdisches Waisenkind, nachdem ich die Speisekammer geschlossen hatte, dass ich privilegiert sei. Auf die Butterseite gefallen und ich solle die Speisekammer für ihn wieder aufsperren. Er habe lang genug entbehrt. Ich schämte mich und ich genoss meine Schuld.

 

Wenn ich heute in meine Arbeit gehe, steht an meinem Weg ein ansehnlicher Bettler. Gut gekleidet. Immer nett. Ich kenne ihn und er grüßt mich von weitem. Ich wechsle im Vorbeigehen ein paar Worte mit ihm wie jeden Morgen, an dem ich ihn treff. Meine Hand fährt in die Tasche, fischt nach den Münzen, die ich vorsorglich eingesteckt habe. Dann geh ich weiter.

 

Vor dem Eingang zu meiner Praxis, sitzt eine junge, dreckige Frau am Boden. Ihr zahnloses Lächeln widert mich an. Alles Gute schöner weißer Mann. Fett und unverschämt. Ich gebe ihr nichts. Dreh mich um und steig die Treppen hoch. Mein Exil ist nicht mehr so jung. Mein Körper fault vom Leib. Meine Haut hat braune Flecken bekommen, und ob ich ein Mann bin, wer weiß das schon?

 

 

Markus Zöchmeister

Psychoanalytiker

im Neuen Lacan´schen Feld Österreich - Initiative Wien

 

All the best, beautiful white man!

 

Young, white, male. Privileged. My privilege is my exile. Saying that is coquettish. My exile is my privilege. Young, white, male. Everything is possible for me. That was the case from the very start. Landed on my feet in life. The youngest of three sons has got it made. For that, my two brothers have always envied me. You have not earned anything for yourself. Is what they said. Everything was already there. Everything? I enjoyed my privileges. I enjoyed my exile. My feelings of guilt.

 

Everything seems to be possible. No closed doors. The establishment passed me by; Kindergarten, school, they did not always go without problems. But I was young, white and male. I was exempt from military service. Then university, student life, a wife, the first child and job. Everything, or almost everything, ran like a charm. Hardly any grit in the gears. A life full of privileges. The first job, supporting pensioners; moving people who could not move; then the second job at the same time in a house that one of the house guests called the Last Café in the Universe. Lots of weirdos there.

 

Was really taken with them. They had stories to tell. Something struck me there in that house that I called home. A refuge from my exile. When I left there, I was still young, white and male. Then I started working with young charges, they had fled from all over the world and they came to us. I was a little proud that they came to us, of all people. After I closed the pantry, an unsightly young fellow with a harelip, a Jewish orphan, told me that I was privileged. That I had landed on my feet, and ought to unlock the pantry for him. He had gone without for long enough. I was ashamed and I enjoyed my guilt.

 

When I go to work these days, there is a sightly beggar on my way. Well dressed. Always nice. I know him and he greets me from afar. I exchange a few words with him as I pass by, like every morning when I see him. My hand slides into my pocket, fishes for the coins that I take along as a precaution. Then I go on.

 

In front of the entrance to my office, a young, dirty woman is sitting on the floor. Her toothless smile disgusts me. All the best, nice white man. Fat and outrageous. I do not give her anything. I turn around and go up the stairs. My exile is not that young anymore. My body is rotting off. My skin has brown spots and whether I'm a man or not, who knows?

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Christian Kohner-Kahler (Mittwoch, 26 Dezember 2018 22:47)

    lieber markus,

    ich hab deinen blogbeitrag mit vergnügen gelesen und währenddessen gab´s auch ein erstaunen,
    dass du über weite strecken des textes dich als „jung“ bezeichnest, was mich gleich noch
    älter aussehen hat lassen. aber zum glück kamen dann doch noch die braunen flecken,
    und es war das erste mal überhaupt, dass mir braune flecken in dem moment sympathisch
    waren.

    ckk