"Neighbors" von Christian Kohner-Kahler

Blogbeitrag zum Forum von ZADIG-WIEN mit dem Titel "WIR ALLE SIND EXILANTEN" am 6.4.2019

 

From out my window, seems just fine
But in his mind, again his world is far from kind
So I invited him over, could this make a new friend
But once I got to know ya, wish I never let you in.

 

So lautet die zweite Strophe des Songs Neighbors von Gnarls Barkley aus dem Album The Odd Couple aus dem Jahr 2008, und sie endet mit dem Wunsch „ihn lieber niemals herein gelassen zu haben.“ Hier wird einer besungen, mit dem oftmals schwer leben ist – der Nachbar.

 

Der Nachbar – er ist nichts weniger als die alltägliche klinische Erfahrung schlechthin. Eine Erfahrung, die wohl jeder von uns teilt, die jeden berührt und nicht selten auf eine irritierend beunruhigende Weise. Jacques Lacan nimmt an mehreren Stellen auf ihn Bezug, denn „der Nachbar“ ist schlicht der Andere par excellence –er ist einfach da, ob man will oder nicht. Er ist der Nahe-Mensch, der uns öfters zu nahe tritt, selbst die „guten nachbarschaftlichen Beziehungen“ sind vielleicht bloß Schutzmaßnahmen, um ein Zu-Nahe auf amicale Distanz halten zu können – ein gemeinsam genossenes Gläschen am Abend bei guten Gesprächen in Zeiten des Waffenstillstands.

 

Auch mir blieb es nicht erspart, mich im Lauf meines Lebens in vielen Nachbarschaften wiederzufinden. Es hatte tatsächlich jedes Mal etwas von „Wiederfinden“. Irgendwann fand ich, infolge der Nähe angrenzender Mitbewohner, auf Heckendistanz gehaltene Nachbarwünsche, etwas in mir wieder. Das was da wiederzufinden war, war aber bloß Ich als mein eigener Anderer, der ich eigentlich gar nicht sein will, einer, der nicht ertragen kann, was er da nachbarlich bemerkt – sehend, hörend, riechend. Dieser mein Anderer flüstert mir sodann in mein inneres Ohr: „Oh, wie der mich heute angeschaut hat, wie er laut ist, wie er singt und stinkt!“ Indem er mir andauernd zu nahe tritt, beginne ich ihn im Geist zu treten.

 

Ich hatte einen, der war „besonders nett“. Stets höflich grüßend, wählte er seine Worte ebenso höflich, wenn er mich wieder einmal darauf aufmerksam machte, dass ich irgendwo am Gang oder im Hof etwas falsch hingestellt, nicht weggeräumt oder übersehen hatte. Meine angebliche Unordnung hatte seine etwas rigide innere Ordnung gestört. „Kein Problem …, ich wollte es Ihnen nur sagen …, damit Sie beim nächsten Mal …“ usw. lauteten die Variationen seiner Beschwerde. In Gedanken sah ich bereits – hinter den mich sanft ermahnenden Lippen, seine gefletschten Zähne. Mein Gemüt verdunkelte sich stets, wann immer er „mir freundlich kam“. Sein Anblick ermöglichte mir irgendwann die beinahe körperliche Erfahrung der alten Wiener Redewendung: „Da geht mir das Gimpf´te auf!“.

 

Von nun bedurfte es erst gar nicht mehr seiner konzilianten Beanstandungen, um eine leichte Erregung zu verspüren. Sobald seine sinnliche Gegenwart oder die seiner Liebesobjekte mir dies ermöglichte: sein bürohengstiger Gang, sein stets blitzeblank poliertes Auto, seine ebenso freundliche Frau, das ritualhafte Beladen seines Wagens vor der Fahrt ins Wochenendhaus – stets dabei, ein mich seltsam anmutender, verschließbarer Alukoffer, in dem ich die Faustfeuerwaffe für gesellige Wochenendfreuden bereits als gesicherte Wahrheit in mein privates Indizienprotokoll phantasierte. Schon betrieb ich Spurensicherung gegenüber dem, der mir andauernd auf der Spur war!

 

Ich vermutete in dieser korrekten, angepassten Existenz ein spezielles Genießen – ein Genießen des Gehorsams, der Autorität, eines Großen Anderen, unter dessen Observanz mein kleiner Nachbar zum Blockwart meiner Privatsphäre wuchs. Er war sicherlich so einer, der auch noch um ein Uhr in der Früh auf einer unbefahrenen Kreuzung das Grün der Ordnung sehnlich erwartete.

 

Ich habe von all dem keine Ahnung, denn ich habe mich nie ernsthaft mit meinem Nachbarn unterhalten, geschweige denn mich aufrichtig für ihn interessiert. Was er mir zeigt, will ich nicht haben. Was immer es ist, dass ich da nicht haben mag, ist aber immer schon bei mir. Mein Nachbar ist bloß so nett, es für mich ein Stück zu tragen.

 

Christian Kohner-Kahler

Psychoanalytiker im Neuen Lacan´schen Feld Österreich

Bewährungshelfer

 

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