"Mein innerster Partner" von Avi Rybnicki

 Blogbeitrag zum Forum von ZADIG-WIEN mit dem Titel "WIR ALLE SIND EXILANTEN" am 6.4.2019

 

 

J.A. Miller sagt: „Das Extime ist das Innerste, während es gleichzeitig das Äußerste ist. Das Extime ist nicht das Gegenteil des Intimen, denn das Extime ist das Intime. Es ist sogar das Intimste. Was dieses Wort sagt, ist, dass das Intimste draußen ist. Es ist vom Typ, vom Modell her Fremdkörper.... Es gibt eine Schwierigkeit in der Situierung, in der Strukturierung, und ich würde sogar sagen, in der Akzeptanz von Extimität.“ [1]

 

Fremd sein war für mich als Sohn zweier jüdischer, polnischer Ausschwitzüberlebender, in einer bayrischen Kleinstadt aufwachsend, meine tiefste Grundsituation. Die Illusion einer „einfachen, glatten“ Identität war mir deshalb nie möglich. Jedoch versuchte ich diese missliche Situation viele Jahre durch Änderungen im sozialen Leben zu beeinflussen und vielleicht zu lösen; wie z.B. durch die Einwanderung nach Israel und den Beitritt zu einer politischen Partei, mit deren Zielen und Werten ich mich identifizieren konnte. Aber ich musste feststellen, dass Zugehörigkeit und Identifikation das radikal Fremde in mir nicht einmal schafften zu übertünchen, und das, obwohl die oben genannten Schritte im sozialen Feld für mich durchaus positive Effekte hatten. Das Fremde, das Nicht-Teil-Sein blieb weiterhin ein intimer Begleiter von mir, sozusagen mein innerster Partner, den ich außen verortete, und der sich wie ein Parasit an mich heftete.

Erst meine Analyse hat mir ermöglicht zu erkennen, dass ich diese Position gegenüber der Welt unbewusst immer wieder aktiv einnehme, unter anderem um davon abzulenken, dass der Status des Fremd-Seins, ein Fremd-Sein, ein Ausgeschlossen-Sein im eigenen Intimsten ist, dass durch keine Zugehörigkeit gelöst werden kann. Erst nachdem ich das wirklich akzeptiert habe, kann ich zu etwas dazugehören.

 

 



[1] Miller, J.A. (2017) Extimate Enemies, in : Lacanian Review 3, NLS, Paris, S.30

 

 

Avi Rybnicki

GIEP-NLS

Neues Lacan´sches Feld Österreich - Initiative Wien

November 2018

 

My innermost partner

 

J.A. Miller says, „The extimate is that which is most proximate, most interior, without ceasing to be exterior. The extimate is not the contrary to the intimate, since the extimate is precisely the intimate, it is even the most intimate. This word indicates, nonetheless, that the most intimate is in the exterior, like a foreign body…. There is a difficulty in situating, in structuring, and even in accepting extimacy.”[1]

 

Being foreign for me as the son of two Polish Jewish Auschwitz-survivors, growing up in a small Bavarian town, was my fundamental situation. The illusion of a “simple, smooth” identity therefore was never possible for me. However, for many years I tried to change and maybe solve this disagreeable situation by making alterations in my social life; for example, by immigrating to Israel and joining a political party with whose aims and values I could identify. But I had to learn that even belonging somewhere and identification could not cover up the radical strangeness in me, even though the above-mentioned steps in the social field had positive effects for me. The foreign, the not being a part of something, remained an intimate companion of mine, so to speak my innermost partner, whom I located outside, and who attached himself to me like a parasite.

 

Only my analysis made it possible for me to recognize that I unconsciously take up this position actively in relation to the world again and again, also in order to distract from the fact that the status of being a foreigner, of being foreign, of being excluded is located in one's own intimacy, which no kind of belonging can solve. Only after having really accepted this, I can belong to something.

 

Avi Rybnicki

 

Psychoanalyst, Tel Aviv

 

Member of GIEP-NLS and of the New Lacanian Field Austria – Initiative Vienna

 



[1] Miller, J.A. (2017) Extimate Enemies, in: Lacanian Review 3, NLS, Paris, S.30

 

 

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