Wie es euch beliebt

Anlässlich des terroristischen und rassistisch motivierten Anschlags eines 20-jährigen in Charlottesville, sagte Donald Trump auf Nachfragen mehrerer Journalisten: „Sie können es Terrorismus nennen, Sie können es Mord nennen, nennen Sie es, wie immer Sie wollen… Es gibt eine Frage: Ist es Mord, ist es Terrorismus, aber dann kommen Sie in die gerichtliche Semantik.[1]

 

Was heißt das, wenn der Präsident eines Landes die Empfehlung ausspricht, ein jedes Subjekt möge über die Bedeutungen, die es den Worten zuweist, nach Belieben selbst entscheiden und wenn er hinzufügt, dass die Notwendigkeit einer verbindlichen Bedeutung ein Spezialfall der Rechtsprechung ist? Kann man einer derartigen Sprache, die keinem Anspruch auf Allgemeingültigkeit von Bedeutungen mehr verpflichtet ist, und die offen erklärt, dass sie nur mehr dem Wollen, den Interessen und dem Genießen des Einzelnen verpflichtet ist, noch trauen? 

 

Eine solche Sprache ist ein zwielichtiges Instrument. Es lässt Politiker auf die Idee kommen, sich auf der Basis einer allgemeingültigen demokratischen Rechtsordnung wählen zu lassen, dann aber diese allgemeingültige demokratische Rechtordnung entlang privater und opportunistischer Bedeutungsgebung zu verbiegen.

 

Das Ergebnis von Trumps Empfehlung zum Sprachgebrauch ist katastrophal. Das Zwielicht besteht darin, dass nicht mehr klar ist, wo Wahrheit und wo Lüge ist, was fact und was fake ist. Die oft erwähnte Politikverdrossenheit entwickelt sich immer mehr zu einer Sprachverdrossenheit selbst weiter. Dem gesprochenen Wort wird immer weniger vertraut, es ist zunehmend entwertet. Und diese insgesamt wachsende Gleichgültigkeit der Rede des anderen gegenüber, trägt das ihre dazu bei, dass sich totalitäre Tendenzen recht ungehindert ihren Weg bahnen können. Wir haben in Frankreich erlebt, wie gelähmt die politischen Parteien diesem Phänomen, verkörpert durch Marine Le Pen, gegenübergestanden sind.  

 

Die vom französischen Psychoanalytiker Jacques-Alain Miller gegründete Bewegung ZADIG ist die Konsequenz der Aufgabe der Psychoanalyse nicht nur beim einzelnen, sondern auch bei gesellschaftlichen Phänomenen das Verborgene zu demaskieren.

 

 Andreas Steininger

Andreas Steininger ist Psychoanalytiker in Wels, Linz und Graz. Er ist Mitglied des Neuen Lacan’schen Feldes Österreich (www.lacanafeld.at)


[1] You can call it terrorism, you can call it murder, call it, whatever you want… There is a question, is it murder, is it terrorism, but then you get into legal semantics. Pressekonferenz mit Donald Trump