Die Angst vor dem Fremden ist dem Menschen grundsätzlich.

Das Neugeborene erlebt zunächst die Umwelt als eindringend und feindlich, war es doch bis zu seiner Geburt gewohnt, über die Nabelschnur der Mutter automatisch befriedigt zu werden. Ab seiner Geburt braucht es zum Leben Atem, den es vorerst als eindringend erlebt. Die Welt ist von Anfang an etwas Fremdes und Feindliches, das erst nach und nach bewältigt wird. Dies führt dann zur illusorischen Vorstellung, mehr oder weniger Herrscher seiner Umwelt zu sein.

 

Das Fremde ist nichts Naturgegebenes, sondern eine – unbewusste – psychische Entscheidung des einzelnen. Das Fremde ist das, was von uns/aus uns abgewiesen wird, weil es als Unlust empfunden wird, während wir das, was lusterregend ist, als das Eigene klassifizieren. Freud erklärt dies folgendermaßen: für einen Säugling ist ein körperlicher Schmerz ein Angriff von außen, während eine stillende Brust als Teil von ihm erlebt wird. Das, was wir als natürliche Teilung zwischen Außen und Innen erleben, ist nicht vorgegeben, sondern erworben. Letztlich ist das Fremde meines, es ist das, was abgelehnt wird, von dem ich nichts wissen will und das in der Gesellschaft keinen Platz findet.

 

Dies ist politisch wichtig, weil das Fremde, das am meisten abgelehnt wird, das Intimste von uns ist. Das Fremde steht in einem engen Verhältnis zu dem, was wir sind. So ist der IS kein arabisches oder muslimisches, sondern zuallererst ein europäisches Phänomen.

 

Freud schrieb einen Aufsatz über das Unheimliche, über das Fremde, das das Unbewusste ist. In diesem Wort unheimlich steckt das Heimliche, das Geheimnis drinnen, aber auch das Daheim. Man kann sagen, das Unbewusste, das Fremde ist das, was wir vor uns selbst geheim halten, aber auch das, was uns am Intimsten ist.

 

Das, was uns treibt sind nicht die Ideale, sondern das, von dem wir nichts wissen wollen. Und das wird sehr leicht den Fremden auferlegt, vor allen Dingen dann, wenn sie uns nahekommen und etwas in uns berühren.

 

Avi Rybnicki