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Forum Zadig Wien

"WIR ALLE SIND EXILANTEN"


DER VERANSTALTUNGSORT


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DAS FORUM


PODIUM 1


 

 

 

Prof. Virgil Widrich eröffnet das Forum und weist darauf hin, dass das Thema brennt. *** Avi Rybnicki führt in seiner Einleitung ins Thema ein: "Wie gehen wir mit dem Hass um? Das Unbehagen in der Kultur ist die Basis der politischen Erfahrung. Es geht darum, dass wir in der Psychoanalyse wissen, dass jeder ein Exil hat. Wie kann Libido geweckt werden und das nicht nur durch Hass?" ... "Es reicht nicht, mit Liebe darauf zu antworten." *** Stefanie Krisper: " Diffamierung eröffnet die Möglichkeit, sich nicht mit dem Schicksal der Migranten auseinandersetzen zu müssen... In der Politik sind Worte schon Taten. Ich halte es also für gegeben, dass es eine Grundlage gibt die einen empfänglich macht für Rassismus und Fremdenfeindlichkeit.  *** Gil Caroz sagt, dass keiner vor Rassismus gefeit ist... Was machen wir mit unserem Rassismus? *** Hans Rauscher: Aus meiner Erfahrung als politischer Journalist kann ich ihnen eine einfache Antwort geben: Die Tatsache, dass eine rassistische Partei an der Spitze in Österreich ist, gibt eine Antwort.***

 

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*** Miguel Bassols: The first experience of racisme is in language. One could say there is racisme only in speaking. *** Avi Rybnicki: Es ist teilweise gefordert, dass Menschen, die von wo anders kommen, ihre Musik des Redens aufgeben. (...) aufgeben, was dich ausmacht. Wenn nicht, bleibst du fremd. *** Gil Caroz: Lacan hat gesagt, die Künstler sind den Psychoanalytikern voraus. Das gilt sicher auch für die Schriftsteller. *** Barbara Coudenhove-Kalergi: Integration bei uns heißt Eintauchen in unsere Kultur und die eigene völlig vergessen. *** Doron Rabinivici: "Wir sprechen über etwas, wo wir eingespannt sind, Teil sind, wenn wir über Rassismus sprechen.

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Das Zadig "Lesebuch für Alle" liegt im Foyer auf.


PODIUM 2


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*** Othmar Karas: Die Partei kann mir meine Verantwortung nicht nehmen. *** Willi Mernyi: Das Mauthausen Komitee hat seit 2017 sogenannte Einzelfälle recherchiert und auch dem Bundeskanzler geschickt. Er sagte jetzt: Huch, das habe ich gar nicht gewusst mit den Identitären. *** Heinz Mayer: Der Kanzler spricht nie von Migranten, sondern von illegalen Migranten. Das ist falsch, weil Migranen ein Recht haben. *** Franz Küberl: Ich bin ein Hausmeisterbub und weiß, was es heißt, den Gehsteig zu reinigen. Später habe ich gesehen, dass es Geräte gibt, die blasen den Dreck zum Nachbarn... Menschen sind Probleme geworden, das ist gefährlich. ***  Virgil Widrich: Ich hab das Gefühl bekommen, dass Rassismus ein Naturgesetz ist... Rassismus ist ein Geschäftsmodell, das gerade am Aufblühen ist, ein Geschäft von Leuten, die nichts Anderes können.***

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PODIUM 3


Anja Herden liest einen Text, den Peter Turrini Zadig-Wien zur Verfügung gestellt hat.

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*** Susanne Scholl: Ich habe erlebt, was mit einer Bevölkerung passiert, die die eigene Geschichte nicht aufarbeitet. Wenn man seine Geschichte so verfälscht, dann hat man plötzlich so einen Bundeskanzler.*** Gil Caroz: Man ist verantwortlich für seine Geschichte, auch wenn man sie nicht kennt. *** Elisabeth Müllner: Der Ort, an dem mir nichts fehlt ... Eine Hoffnung, die sich nie erfüllt. *** Wolfgang Petritsch: Wen will Kurz verbieten, wenn er die Identitären verbieten will. Der Versuch, eine rote Linie zu ziehen, ist völlig erfolglos, weil sich nicht unterscheiden lässt, wo die Identitären anfangen und die FPÖ aufhört.*** Muna Duzdar: Politik auf dem Rücken von Wehrlosen finde ich unwürdig... Ich rede nicht gerne über meine Geschichte, weil ich einfach keine schönen Erfahrungen gemacht habe als Migrantin...  *** Avi Rybnicki: Ein Satz, den ich in Petritsch´s neuem Buch "Epochenwechsel" fand: Der Kapitalismus braucht die Demokratie nicht zwingend. *** Miguel Bassols zitiert Zweig: Ich glaube ich bin einer der wenigen Schriftsteller, die den Ozean überquert haben. Nicht um dort Geld zu verdienen, sondern um mich mit dem Neuen in einem Kontinent zu konfrontieren... Erinnerungen eines Exilanten, wo er noch nach Hause kommen konnte. Die Frage ist heute: Von welchem Moment an ist man Exilant? ... Wir sprechen heute von einem inneren Exil. ***  

 

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PODIUM 4


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*** Elke Kahr: Ein großer Teil unserer Bevölkerung hat in unserer Regierung keine Heimat mehr... Was würde es bedeuten, wenn MigrantInnen nicht vom Wahlrecht ausgeschlossen würden. *** Christian Kohner-Kahler: Aussprechen heißt Heraussprechen ... Etwas von mir beibt draussen und kommt vom anderen zurück. Warum den künftigen Generationen eine Sprache weiterzugeben, die ans Exil erinnert? *** Ferdinand Schmatz: Die Sprache schiebt sich zwischen inneren Raum und äußerer Wirklichkeit. Ich bedauere es, dass im engeren Sinne Betroffenen, Exilanten hier nicht zur Sprache kommen... Aber es geht, der Sprache, dem Wort nicht zu vertrauen und gleichzeitig das größte Vertrauen auszusprechen. *** Miguel Bassols: Poesie ist: den Sinn der Worte, der schlafend hier liegt, hervorkommen zu lassen. *** Mavie Hörbiger: Für mich ist Exil ein romantisierter Ort... Auf der Flucht wird man jeder Sprache beraubt. *** Miguel Bassols: Um zu existieren, muss man vom Anderen erhört werden. *** Gunkl & Walter: Bei Heimat ist vorausgesetzt, dass man nicht darüber nachdenkt. *** Gil Caroz: Wenn man von den Australiern, den Österreichern, den Chinesen, den Juden etc. spricht, gibt man dem Genießen einen Namen *** Miguel Bassols: Wir leben ständig im Mißverständnis, wir haben keine Chance, da rauszukommen... In der Psychoanalyse ist man frei zu sagen, was durch den Kopf geht, aber man ist nicht frei von den Effekten, die das eigene Sprechen hat. *** Avi Rybnicki beendet das Forum.

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Europa am Prüfstand des Hasses

von Éric Laurent

 

Text der Abschlussintervention anlässlich des europäischen Forums "Liebe und Hass auf Europa", Mailand, 16. Februar 2019.

 

Unser vorheriges europäisches Forum fand am 1. Dezember 2018 in Brüssel unter dem Titel "Diskurse die töten" statt. An diesem Tag führte der III. Akt der Gelbwestenbewegung in Paris zu Gewalttaten und Zerstörungen, die seit 1968 nicht mehr zu sehen waren. Er schädigte nicht nur materielles Eigentum, sondern auch Symbole wie den Arc de Triomphe. Die repressiven Kräfte reagierten mit einem entsprechenden Arsenal. Im dritten Monat dieser Bewegung wurden 2.000 Menschen durch Granaten und Abwehrraketen verletzt, 1.800 Verurteilungen von Gerichten verhängt und 1.400 Menschen warten auf den Prozess. Die ersten Todesfälle ereigneten sich bei improvisierten, stürmischen Straßensperren, die zu Unfällen führten, wobei panische Fahrer die Kontrolle über die Fahrzeuge verloren. Glücklicherweise sind bisher keine Todesfälle durch direktes Handeln der Polizei verursacht worden. Eine verirrte Granate verwundete jedoch eine alte Dame tödlich, als sie ihre Fenster schloss.

 

Am 14. Februar hat die Europäische Union (EU) in diese Bewegung eingegriffen. In einer mit 438 zu 78 Stimmen bei 87 Enthaltungen angenommenen Resolution verurteilten die Abgeordneten "den Einsatz gewalttätiger und unverhältnismäßiger Interventionen durch Behörden bei friedlichen Protesten und Demonstrationen". Auch Italien ist beteiligt. Durch das Interview einer der besonders prominenten Gelbwesten anlässlich der Reise von Luigi Di Maio zu ihnen trug der italienische Kanal 7 dazu bei, das Bewusstsein für die Komponenten dieser Bewegung in Frankreich zu schärfen. Worum geht es bei der Bewegung der Gelbwesten? Der Bezug auf Europa, unter seinen beiden Gesichtern, auf Engel und Tiere, wie Marco Focchi in der Einleitung zu diesem Forum sagte (1), lädt uns ein, "nicht dem Rausch der Analogie nachzugeben, als ob ein Aufstand nur einen anderen wiederholen könnte, als ob die Geschichte eine heroische oder dramatische Serie von Reinkarnationen wäre" (2). Gerade in einem Land, das dazu neigt, seine nationale Geschichte mit universeller Geschichte zu verwechseln, macht es das Sprechen über Europa möglich, in vergleichbaren europäischen Bewegungen die "möglichen Zukünfte" (3) dieses Aufstands wahrzunehmen. Umberto Eco zitierte gerne die Worte von Benedetto Croce, dass "jede Geschichte, wenn sie eine wahre Geschichte ist, eine Zeitgeschichte ist.» (4). Der Zeitgenosse von diesen Bewegungen ist zweifellos Europa.

 

Seit letztem Dezember wird Europa ständig von demonstrativen Bewegungen von bemerkenswerter Neuartigkeit und Größe durchzogen, sowohl im Westen als auch im Osten. Giulia Lami hat Recht, wenn sie darauf hinweist: Italien, Andalusien, Ungarn, Polen, Ukraine.... sind miteinander verbunden. Jenseits des "Streits um Interpretationen" (5), der durch diese heterogenen Bewegungen erzeugt wird, heben die Kommentatoren eines ihrer Merkmale, die Gewalt, hervor. Im Osten markiert die Ermordung des Bürgermeisters von Danzig am Sonntag, den 13. Januar, durch einen instabilen Mann, der mehrmals auf ihn einstach, einen Höhepunkt (6). Dies ist eine Gelegenheit, sich daran zu erinnern, dass eine Woche vor dem Brexit-Referendum 2016 die Labour-Abgeordnete Jo Cox unter ähnlichen Umständen getötet wurde. Aber was "neu" ist, ist diese Kulisse, die von Hass, Wut und Ressentiments geprägt ist und sich von West nach Ost erstreckt, über Polen, Großbritannien, den Vereinigten Staaten, Italien und Ungarn. Ebenso in Frankreich, wo die Regierungsmitglieder, wenn sie zum Ministerrat zusammenkommen, ein neues Ritual anwenden, nämlich die Verfeinerung - oder auch nicht - der jüngsten Todesdrohungen, die an sie gerichtet sind, zu vergleichen" (7).

 

Ein zentristischer, erfahrener Kommentator des französischen politischen Lebens unterstreicht diesen Punkt: "Der Mai 1968 war, um nur das berühmteste Beispiel zu nennen, viel gewalttätiger als das, was heute geschieht....... Das Neue, der Unterschied, die Besonderheit der gegenwärtigen Periode ist nicht Gewalt, sondern Hass und, schlimmer noch, allgemeiner Hass. Denn Hass findet sich sowohl in den verächtlichen und karikierten Worten der Regierenden als auch in den beschimpfenden und bedrohlichen Gelbwesten, die durch soziale Netzwerke wüten und sogar eine Art Wettbewerb mit demjenigen führen, der am radikalsten, exzessivsten und provokativsten ist.....Hier wird die Banalität der Gewalt hinter der Virulenz des Hasses aufgehoben." Es scheint, dass Europa als Institution weit von den Anliegen dieser Bewegungen entfernt ist, die sich auf der Ebene der Staaten behaupten und bereitwillig eine nationalistische Wendung nehmen, indem sie Regierungen anprangern. Die EU scheint weit entfernt von diesen Leidenschaften zu sein.

 

Sie könnte sich darüber freuen. Das wäre ein Fehler. Sie als Hintergrund, ein Objekt negativer Leidenschaft, das in der Geschichte und den aktuellen Ereignissen dieser Demonstrationen präsent ist, in denen Abscheu und der populistische Wille, den Eliten zu widerstehen, zum Ausdruck kommen. Ein Entwurf einer Liste der Gelbwesten besagt: "Wir wollen nicht mehr den Entscheidungen der europäischen Behörden und den Diktaten der Kasten der Finanziers und Technokraten unterworfen werden, die das Wesentliche vergessen haben: Menschlichkeit, Solidarität und den Planeten" (9).

 

Die Ablehnung der Europäischen Verfassung durch Volksabstimmungen in Frankreich und Holland im Mai-Juni 2005 war - G.Lami wies darauf hin - der Beginn der Vertrauenskrise der "Völker" gegenüber den europäischen Eliten drei Jahre vor der großen Weltfinanzkrise. Der errichtete Gegensatz zwischen Volk und Elite hat verheerende Auswirkungen auf das Vertrauen in diejenigen, die regieren sollen. Und die EU verkörpert durch ihre Bürokratie, ja sogar ihre Parlamentarier, irgendwie eine multinationale Elite (10). Psychoanalytisch gesehen würden wir sagen, dass die populistische Ablehnung der Eliten die Übertragung auf das Subjekt, dem Wissen unterstellt wird, wie man regiert, was die Grundlage für das europäische Projekt ist, stört und erschüttert.

 

Europa wurde als ein Subjekt, dem Wissen unterstellt wird, geliebt.

 

Paul Valéry hat am Ende des ersten Teils des großen europäischen Bürgerkriegs klar untersucht, was Europa noch bedeutet. Er reduzierte seine Zivilisation auf eine seltsame physische Eigenschaft: "Die anderen Teile der Welt hatten bewundernswerte Zivilisationen, erstklassige Dichter, Bauherren und sogar Wissenschaftler. Aber kein Teil der Welt hat diese einzigartige physikalische Eigenschaft besessen: Die intensivste Fähigkeit auszustoßen verbunden mit der intensivsten Fähigkeit zu absorbieren. Alles kam nach Europa und alles ist von Europa ausgegangen. Oder beinahe alles" (11). Dieses fast alles, ist im Wesentlichen für Valéry Mathematik. Husserl, obwohl er Mathematiker war, stellte die Philosophie an diese Stelle als eine vom Westen erfundene kritische Disziplin - wie Vittorio Morfino feststellte. Valéry stellt seine Vision der Krise übrigens mathematisch dar: "Ich habe behauptet, dass die so lange beobachtete Ungleichheit zum Wohle Europas von selbst allmählich in eine Ungleichheit der anderen Richtung übergehen sollte. Das ist es, was ich als das ehrgeizige fundamentale Satz Theorem bezeichnet habe." Um Valéry oder Husserl zu vervollständigen, würden wir sagen, dass Europa es ermöglicht hat, die kritische Disziplin der Formen der Jouissance, nämlich die Psychoanalyse, zu erfinden. Die desegregative Bewegung, die Valéry in statu nascendi in seinem "fundamentalen Theorem" sah, erlaubte am Ende des zweiten Teils des großen europäischen Bürgerkriegs (Zweiter Weltkrieg) die Serie von Emanzipations- und Dekolonisationsbewegungen, die den Wiederaufbau Europas (Thirty Glorious) und sein Ergebnis, den Fall der Berliner Mauer 1989, als Kontrapunkt markieren sollten. Feruccio Capelli hat uns diese Entwicklungen bis hin zur aktuellen technodigitalen Panik meisterhaft gezeigt. Doch die Bürger der Nationalstaaten Europas sind unzufrieden; sie empfinden diese Union als eine sanfte und weitreichende Macht, die den demokratischen Abstimmungen entkommt und sie zu ihrem eigenen Wohl zwingen will. Sie werfen der EU vor, eine Art Staat zweiter Ordnung zu sein.

 

Alexis de Tocqueville offenbarte in einer eindrucksvollen Einsicht die notwendige Tendenz des demokratischen Staates, sich um das Wohl aller zu kümmern. "Über ihnen (den Individuen) steht eine immense und schützende Kraft, die allein dafür verantwortlich ist, ihren Genuss zu sichern und ihr Schicksal zu regeln. Sie ist absolut, detailliert, regelmäßig, vorausschauend und sanft. Sie wäre wie eine väterliche Macht, wenn es, ähnlich dieser, ihr Zweck wäre, die Männer auf die Männlichkeit vorzubereiten; aber sie versucht nur, sie in der Kindheit unwiderruflich zu fixieren; sie mag es, wenn sich die Bürger freuen, wenn sie nur an die Freude denken. Sie arbeitet bereitwillig für ihr Glück; aber sie will der Alleinvertreter und Schiedsrichter sein; sie sorgt für ihre Sicherheit, antizipiert und sichert ihre Bedürfnisse, erleichtert ihre Freuden, führt ihr Hauptgeschäft, verwaltet ihre Industrie, reguliert ihre Güter, teilt ihre Erbschaften; was sie nicht kann, ist ihnen die Mühen des Denkens und den Schmerz des Lebens nehmen? " (13) Diese Beschreibung des demokratischen Nationalstaates könnte durchaus auf die Beschwerden zutreffen, die Bürger europäischer Staaten gegen die EU haben.

 

Was Europa vorgeworfen wird, ist eine emanzipierte, abgehobene Staatslogik. Das ist das Europa, von dem die Sprache der Antieuropäer spricht, wie uns Gianfranco Mormino gesagt hat. Man beschuldigt Europa, dass es nicht in der Lage ist, diese unerbittliche Logik zu stoppen, zu blockieren oder zu zerstören. Es ist schwierig, es zu verlassen - das Beispiel des Vereinigten Königreichs bietet eine erbärmliche Seifenoper. Die Union bleibt bestehen, sie ist da, um zu bestehen, und genau aus diesem Grund wird sie zum Gegenstand noch stärkerer Leidenschaften.

 

Das europäische Objekt wird nicht mehr nur durch ein kognitives Projekt definiert, es ist zu einem Objekt der Leidenschaft geworden. Die Transformation wurde ebenso missverstanden wie die Liebe, die mit der Übertragung der Staatsgewalt auf eine Bürokratie einherging, die die Zukunft der kleinen Nationalstaaten, aus denen sich das europäische Mosaik zusammensetzt, bestimmen sollte. Europa war der Name dieses Subjekts, dem Wissen unterstellt wurde, wie man mit der Bedrohung durch die Bedeutungslosigkeit der Überlebenden der Katastrophe umgeht, die das Europäische Reich besiegt hatte.

 

Alexandre Kojève versuchte, der Transformation des Nationalstaates durch einen von ihm geforderten Superstaatsagenten(agent super-étatique) in Form eines "Reiches" eine Grundlage zu geben. Für ihn war die Standardisierung der Lebensstile durch die wissenschaftliche Zivilisation ohne Rest nicht zu erreichen. Es würde eine differenzierte Lebensweise bleiben, die den Verfahren des homogenen und wissenschaftlichen Universalstaates widerspricht. Zwischen diesem weit entfernten, effektiven Universalstaat und dem Ende der Nationen argumentierte Kojève, dass "die Zeit reif ist für Reiche", Reiche, deren Einheit auf einer Lebensweise beruht. Für ihn stand die "lateinische" Lebensweise im Gegensatz zur jenigen des "slawisch-sowjetischen Reiches" und des angelsächsischen Blocks, zu dem er glaubte, dass Deutschland sehr schnell hinzukommen würde, "weil die protestantische Inspiration des preußisch-deutschen Staates es den modernen angelsächsischen Staaten, die ebenfalls aus der Reformation hervorgegangen sind, näher brachte und es den slawischen Staaten der orthodoxen Tradition entgegensetzte" (14). Europa ist heute zwischen den Ländern des Nordens und des Südens aufgeteilt, nach einer Perspektive, die der Idee von Kojève sehr gut entspricht. Was die Reichs-Form betrifft, so konnten einige argumentieren, dass nach der Einführung des Euro nach den Standards der deutschen Mark (Ordoliberalismus und neoklassische Wirtschaft (15)), dann mit dem Vertrag von Nizza von 2001 (vor der Erweiterung auf 27), der das gesamte deutsche Hinterland der Länder des Ostens in die EU einbrachte, die tatsächliche Führung durch den deutschen Bundeskanzlers für 14 Jahre Europa nur jene Logik eines deutschen Reiches gab. Mit dem Ergebnis ständig zunehmender Disparitäten zwischen den Ländern des Nordens und des Südens, ohne dass es möglich ist, die Politik eines supra-staatlichen Agenten zu ändern, der wie ein echter Oxymoron lebt, eines deutschen demokratischen Reiches. Davide Tarizzo betonte diese Perspektive.

 

Der gegenwärtige Moment der EU markiert genau das Ende der Ära dieser faktischen Führung, denn dieses Reich wurde sowohl durch das Brexit-Phänomen als auch durch das Auftreten einer nationalistischen Reaktion in allen Staaten der Union abgelehnt. Ferrucio Capelli hat uns die Grundlagen dieser Logik erklärt.

 

Der Zustand der Libido der Union, die von ihr und ihren Freunden beurteilt wird.

 

Unser Mailänder Forum findet etwa einen Monat vor den Wahlen zum Europäischen Parlament am 23. und 26. Mai 2019 in den verschiedenen Mitgliedstaaten statt. Umfragen deuten darauf hin, dass Parteien, die mit nationalistischen Strömungen verbunden sind, ein Viertel der siebenhundertfünf Sitze einnehmen könnten, wohingegen sie heute nur ein Fünftel davon haben. Diese nationalistischen Strömungen basieren auf der Tatsache, dass die Konstituierung des "großen Marktes" eine paradoxe Wirkung von territorialer Dislokation innerhalb der Staaten erzeugt hat. Die Unterschiede in der wirtschaftlichen Entwicklung zwischen reichen und armen Regionen in jedem Staat sind heute höher als die Unterschiede zwischen den einzelnen Staaten(16). Diese Lücken werden als Folge der Globalisierung und damit Europas erlebt. Die Ökonomen, die auf diesem Forum sprachen, ob Carlo Favero, Mario Gilli oder Carmine Pacente, zeigten die Widersprüche der am Werk befindlichen wirtschaftlichen Logiken.

 

Und darüber hinaus "ist der europhobe Druck innerhalb der Union mit beispiellosen Herausforderungen im Ausland verbunden" (17). Am 15. Juli 2018 hat der Präsident der Vereinigten Staaten die EU von einem Verbündeten zu einem "Gegner" gemacht, und der US-Außenminister ,Mike Pompeo, Secretary of State, hat am 4. Dezember in Brüssel nach dem Interesse der europäischen Staaten gefragt, in der EU zu bleiben. M. Pompeo ist nicht D. Trump. Er schloss sein Studium in Harvard mit summa cum laude ab und absolvierte West Point in der Spitzenklasse. Er ist ein harter Kerl, aber ein Absolvent und beständig. Ihm folgt ein ganzer Teil der republikanischen Elite der USA, insbesondere im Hinblick auf die Notwendigkeit, China zu stoppen und die EU zurechtzuweisen.

 

Richard Haas, Rhodes-Stipendiat (wie Clinton), Doktor der Philosophie in Oxford, Autor von zwölf Büchern über auswärtige Angelegenheiten, sechzehnjähriger Präsident des republikanischen Think-Tanks Council on Foreign Relations, "beschreibt ein Europa in politischem Schmerz, ohne Führung [....]. Die Zukunft von Demokratie, Frieden und Wohlstand in Europa, wenn wir genau in diesem Moment in seiner Geschichte anhalten, scheint zumindest ungewiss" (18). Er ist der Ansicht, dass die EU, "zu weit weg, zu bürokratisch, zu inspiriert von den Eliten und allmählich schon zu lange jede Verführung in den Vorstellungen ihrer Bevölkerung verloren hat". Sie ist "politisch und wirtschaftlich fragmentiert" zwischen dem marschierenden Norden, dem leidenden Süden und dem zögerlichen Osten. Alain Frachon, der R. Haas zitiert, stellt fest, dass es Europa nicht möglich ist, "sich auf echte Großprojekte zu einigen - systematische Verbesserung einer einheitlichen kulturellen Basis; Besteuerung von GAFAs; Steuerharmonisierung innerhalb der 27 Mitgliedstaaten; Vorbereitung auf die Migrationswellen von morgen; realer europäischer Haushalt und Investitionen in die Wirtschaft der Zukunft. Es gibt keine gemeinsame Libido dafür" (19). Es geht um ein gebrochenes Verlangen, eine ohnmächtige Libido.

 

Das Erwachen der gemeinsamen Libido ist mit dem Wunsch vereinbar, das Niveau

 

der staatlichen Kompetenz zu erhalten, wo wichtige Entscheidungen getroffen werden können, während die Entscheidungen auf der Ebene der achtundzwanzig so schwierig zu treffen sind. Die neuen Funktionsweisen, die die Libido wecken können, müssen mit der Haushaltsplänen und den Spannungen zwischen den Mitgliedern vereinbar sein. Die Libido und ihre konfliktträchtigen Gefahren sind viel gesünder als nur den Wettbewerb, den bloßen Wettbewerb, der unerbittlich nur auf dem Niveau des Nützlichen aufrechterhalten wird.

 

Um diese verschiedenen Konfliktstufen zu regulieren, muss das europäische positive Recht selbst – in die Giulano Spazzali seine Hoffnungen setzt - notwendig werden.

 

Die Repolitisierung der EU bedeutet auch, sie zu libidinisieren, während das Subjekt, dem Wissen unterstellt wird, gefallen ist.

 

Die Zeugnisse von Irene Petronella und Attilio Cazzaniga, aus der globalisierten, vernetzten Generation, Erasmus-Euro, das hier stattfand, zeigt deutlich, dass diese Libido geweckt werden kann.

 

Kann sich eine neue Liebe Gestalt formen und Europa ein neues Gesicht geben, das sie aus ganzem Herzen wollen?

 

1: Europäisches Forum "Liebe und Hass auf Europa", Mailand, 6. Februar 2019.Giulia Lami, Vittorio Morfino, Feruccio Capelli, Davide Tarizzo, Gianfranco Mormino, Carlo Favero, Mario Gilli, Carmine Pacente, Giulano Spazzali, Irene Petronella und Attilio Cazzaniga, deren Beiträge in dieser Abschlusskonferenz erwähnt werden, waren unter den Gästen. Siehe spezielle Website

 

2: Boucheron P., "De l'expérience et de ses passés disponibles", Kurs vom 8. Januar 2019 im Collège de France, verfügbar auf der Website Nouvel Observateur, ursprünglich veröffentlicht auf der Website Entre-temps.net.

 

3: Ebd.

 

4: Croce B., zitiert von Ory P., Peuple souverain. De la révolution populaire à la radicalité populiste,(Souveränes Volk. Von der Volksrevolution zur populistischen Radikalität), Paris, Gallimard, 2019, S. 243.

 

5: Confavreux J., " "Gelbwesten": der Streit der Interpretationen ", Médiapart, 18. Januar 2019.

 

6: Siehe Kauffmann S., "Was auch immer der Mörder des Bürgermeisters von Danzig ist, es geht um die Eskalation des Hasses im öffentlichen Leben", Le Monde, 16. Januar 2019.

 

7: Ebd.

 

8: Duhamel A., "Le triomphe de la haine en politique", Libération, 9. Januar 2019.

 

9: Leclerc A. & Mesre A., "Über "Gelbwesten", die eine Liste zu den Europäern vorlegen", Le Monde, 25. Januar 2019.

 

10: In Frankreich wurde eine der Figuren der Gelbwesten, Étienne Chouart, 2013-2014 mit antisemitischen Verschwörern im Dunstkreis von Alain Soral gezeigt, die ihn als "resistent gegen die Europäische Union" verherrlichten.

 

11: Valéry P., Variété I & II (1919), Œuvres t. I, coll. Bibliothèque de la Pléiade, S. 995.(Kapitel "Die Krise des Geistes", 2. Buchstabe)

 

12: Ebd., S. 997.

 

13: Tocqueville (de) A.,,, ("Demokratie als Despotie", Teil 4, Kap. VI),

 

14: Kojève A., "L'Empire latin (Esquisse d'une doctrine de la politique française)" (27. August 1945), La Règle du jeu, n° 1, 1990, S. 96.

 

15 : Creel J., Laurent É. & Le Cacheux J., "The Euro at 20 and the futures of Europe", Social Europe, 12. Dezember 2018, verfügbar hier :"Das Projekt[Eurozone] ist ein seltenes Beispiel für eine strikte Anwendung der Wirtschaftslehren beim Aufbau politischer Institutionen. Ordoliberalismus und neue klassische Ökonomie haben Institutionen und strenge politische Regeln geprägt".

 

16: Ebd.

 

17 : Barochez (de) L., "Dissiper le brouillard européen", Le Point, 7. Januar 2019.

 

18: Haas R., zitiert von Frachon A., "L'Union européenne est une joueuse de fond de court", Le Monde, 27. Dezember 2018.

 

19: Frachon A., "L'Union européenne est une joueuse de fond de court", op. cit.

 

 

 

Teil 2

 

Das Argument der Liebe und die Frage der Leidenschaften

 

Sollen wir die Liebe betonen? "Amo Italia" (Ich liebe Italien), sagte Jean-Claude Juncker am 16. Oktober 2018 in einem Interview mit einer italienischen audiovisuellen Mediengruppe, einen Tag nachdem Italien der Europäischen Kommission seinen vorläufigen Haushalt für 2019 übermittelt hatte, aber gleichzeitig "gibt es eine Lücke zwischen dem, was versprochen wurde und dem, was heute präsentiert wird" (2). Er hatte bereits gesagt, dass er Griechenland liebt, aber dass die Konten in Ordnung gebracht werden müssen.

 

Liebe ist ein seltsames Gefühl, das sich verzögert und nach Versuchen der Trennung manifestieren kann. So hat beispielsweise die englische Öffentlichkeit die Europäische Union (EU) nie wirklich gemocht, und die gegenwärtige Leidenschaft für das Überbleibsel (Remain) ist eine neue Art von pragmatischem Gefühl. "Der Politiker Stephen George bezog sich in einem berühmten Satz auf einen "unkooperativen Staat" (An Awkward Partner). Er bezeichnete die britische Politik gegenüber der EU auch als "Ablösungs-Politik“(politique de semi-détachement), während der ehemalige Diplomat Stephan Wall das Vereinigte Königreich "einen Fremden in Europa" nannte. Brexit hat also seine Wurzeln in einer bestimmten historischen Flugbahn und nicht nur im jüngsten Aufstieg des Populismus" (3). Andererseits ist es den Salvinisten in Italien in gleicher Weise wie dem Erfindungsreichtum von Beppe Grillo gelungen, den Hass auf die EU auf eine neue Art und Weise darzustellen."Der Kongressabgeordnete Angelo Ciocca erhebt sich. Er geht auf die Galerie, klebt an der Seite von EU-Kommissar Pierre Moscovici, schnappt sich einige seiner Notizen, zieht seinen Schuh aus und reibt ihn dann kräftig an dem Bündel von Blättern, als ob er eine Zigarettenkippe oder ein schädliches Insekt zerquetschen würde. Diese Szene, die sich durch ihre Possen auszeichnet, fand am Dienstag, den 23. Oktober, in den Mauern des Straßburger Parlaments statt" (4). Junkers Ti amo ist mit dieser Inszenierung nicht vergleichbar. Aber sollten wir einfach den Wechsel zum Hass bedauern? Können wir es nicht nutzen, um im rein politischen Bereich zu agieren? Haben Psychoanalytiker, die sich so oft mit negativer Übertragung beschäftigen, nicht etwas dazu zu sagen? Davide Tarizzo ermutigte uns, einige der Geheimnisse des Handels zu teilen. Die Beziehung zur negativen Übertragung ist eine davon.

 

Die Hassliebe und der primäre Status des Hasses

 

Lacan gab den Freudschen Affekten sofort eine ethische und keine psychologische Dimension. Jenseits aller psychologischen Eigenschaften desjenigen, der von Liebe und Hass erfasst wird, sprechen Leidenschaften einen Punkt an, der darüber hinausgeht. Von seinem ersten Seminar an machte er Liebe und Hass zu Leidenschaften des Seins (passions de l’être)(5). Sie sind an das gerichtet, was im anderen sein grundlegender Mangel ist, an das, was er nicht hat, sondern was er ist. Lacans Lehre, wie sie sich entwickelt, definiert seine Ontologie genauer. Lacan löst Verwachsungen mit dem Sein, um die genießende Substanz (6) hervorzubringen. In seiner letzten Lehre, die 1973 mit dem Seminar Encore begann, formulierte er Freudsche Affekte ausgehend von diesem Genießen neu und setzte diese Neuformulierung 1974 mit der Veröffentlichung von Télévision fort.

 

Das Ende des Seminars Encore im Juni 1973, hebt die erste Konsequenz dieser Neuausrichtung auf die Jouissance hervor. Hass hat Vorrang vor Liebe, um dem Anderen näher zu kommen. Die Liebe verbindet sich mit Semblants, während sich leidenschaftlicher Hass auf das Reale bezieht. "Was bewirkt, dass der Andere ein Anderer ist, den man hassen kann, den man hassen kann in seinem Sein? Nun, es ist der Hass auf die Jouissance des Anderen. Dies ist sogar die allgemeinste Form, die diesem modernen Rassismus zugesprochen werden kann, so wie wir ihn wahrnehmen. Es ist der Hass auf die besondere Art, wie der Andere genießt.“(7) Für Freud steht der Vater am Horizont der sozialen Bindung durch die primäre Identifikation - von Freud als von der Liebe zum Vater unterschieden - und der Ödipuskomplex hinterlässt eine unauslöschliche Spur im Gefühlsleben (8). Die Konvergenz von Liebe und Hass auf dieselbe Person ist die Quelle der Ambivalenz, die als die erstaunliche Transformation der Gefühle konzipiert ist, die Menschen in ihrem sozialen Leben verbindet und entbindet. Diese Ambivalenz (9) hatte es Freud ermöglicht, sich vom universellen Gebot der Nächstenliebe zu distanzieren; Lacan will weiter gehen.

 

Er möchte auf die Fiktion des Namens-des-Vaters verzichten, um den grundlegenden Affekt der Beziehung zum Anderen zu ermitteln. Er begründet ihn direkt aus dem Verhältnis zum Genießen, als Punkt der Zurückweisung, der Vertreibung des Anderen, die auf die Ausstoßung, auf das primordiale Ausstoßen zurückgeht, die das Subjekt dem Anderen gegenüberstellt.

 

Jacques-Alain Miller weist im Hinblick auf die Freudsche Opposition Eros/Thanatos darauf hin: "Der Gegner der Liebe ist nicht Hass, sondern Tod, Thanatos. Wir müssen da zwischen Gewalt und Hass unterscheiden. Hass ist auf der gleichen Seite wie Liebe. Hass und Liebe sind auf der Seite des Eros" (10).

 

Vor diesem Hintergrund müssen wir die Neuformulierung des Ortes der Empfindung (sentiment) in Lacans letzter Lehre lesen, die in ihrer neuen Definition Hass und Liebe beinhaltet: "Es gibt das Eine, und das bedeutet, dass es noch Empfindungen gibt, das Gefühl, das ich gerufen habe (...) Hass, soweit dieser Hass mit der Liebe zusammenhängt" (11). Diese Hassliebe (hainamoration) ist die Folge der Trennung vom Genießen anderer Einen. Dies zu wissen, die Aporien der Liebe und des Genießens in der Nachbarschaft des Nächsten zu kennen, verurteilt uns nicht zum Zynismus, zur Unbeweglichkeit oder zur Anerkennung der irreduziblen Gegenwart von Hass oder Übel (12). Dieser Primat des Hasses ist vor allem eine Desidealisierung der Liebe als ersten Affekt. Wir sehen die Fruchtbarkeit dieses Ansatzes in der Neuformulierung der Übertragung in Lacans letzter Lehre. Die positive Übertragung, die auf der Fiktion des Subjekts dem Wissen unterstellt wird basierte, ist in der letzten Lehre sekundär im Vergleich zur negativen Übertragung, die keiner Hypothese bedarf. (13).

 

Diese Perspektive, anders als Freuds zu überfüllte Perspektive des Vaters, spiegelt den Gegensatz zwischen den Populismen der 1930er Jahre wider, vertikal, zentriert auf den einzigen Führer, mit einer starken Doktrin, und den neuen Populismen, die auf horizontalen Bewegungen basieren,verbunden durch Facebook-Seiten, polymorph, atomisiert (z.B. 5-Sterne oder Gelbwesten), vereint durch den Hass auf die "Elite", der sich in einem Namen zusammenfassen lässt (Macron, Soros) oder durch den Hass auf austauschbare Objekte wie den Juden oder den Migranten. Natürlich vergessen wir nicht Freud und die Betonung des Führers als stark, aber die aktuellen populistischen Bewegungen sind mit dem schwachen Mann (Di Maio) kompatibel und starke Männer sind nicht mehr das, was sie waren - Salvini ist nicht Mussolini und Trump ist nicht Hitler.

 

Die Libidinisierung Europas und die Hassbewegung

 

Emmanuel Macron hat in einer Reihe von Reden in Athen, Paris, auf der Sorbonne und dem Straßburger Parlament eine ganze Reihe von Maßnahmen vorgeschlagen, um Europa zu lieben - mit einer so lebendigen Eloquenz wie die von Carmine Pacente. Doch etwas funktioniert nicht. Wahrscheinlich, weil es notwendig ist, einen deutlicheren Moment des Hasses zu erleben. Und vielleicht aufzuhören, zuerst Liebe zu wollen. Dann können die aktuellen Herausforderungen angegangen werden. Die starke Zuneigung gegenüber der EU birgt die Gefahr, dass der Hass in all seinen Formen und seiner Vielfalt lange Zeit bestehen bleibt. Es braucht politische Frauen und Männer, die es zu etwas bringen können. In der Lage, dauerhaft im Wahlkampf zu bleiben, immer verbunden, wie Donald Trump, Redjep Tayip Erdogan - auch Gelbwesten - oder was Emmanuel Macron wieder tut, und das 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche.

 

Auf die Vorstellung vom sozialen Band in der verkleideten Form der Liebe zu verzichten, bedeutet nicht, von der Kraft des Hasses fasziniert zu sein. Es bedeutet, das Versagen der Liebe aufzugeben, nur dem Begehren zu vertrauen (14). Indem wir diesen entschlossenen Wunsch, unsere alten Demokratien am Ende ihrer Geschichte neu zu erfinden, aufrechterhalten, werden wir das Äquivalent dessen finden, was New Deal-ähnliche Politik war. Ungeachtet des Serotoninmangels muss unsere handelnde Politik erfinden und alles durchgehen, was unsere Wissenschaftler und Debatten der Bürger als Mittel vorschlagen, um eine neue partizipative Demokratie zum Leben zu erwecken. Die Franzosen, die Italiener, die Engländer, die Ungarn, die Polen, alle marschieren, alle sind in verschiedene und sehr libidinös besetzte Hassgefühlen verwickelt. Auf EU-Ebene wird es das Gleiche sein, wir werden brühwarm erfinden müssen, und zwar in der Bewegung der Krise selbst. Dann wird der fehlende Ort Europas, der nicht existiert und dessen Nichtvorhandensein nicht als Mangel empfunden wird - wie Matteo Vegetti bereits erwähnt hat - eine Chance haben zu existieren.

 

Natürlich wird es notwendig sein, die Transformation, die der notwendige ökologische Wandel als Reaktion auf die globale Klimakrise darstellt, weiter zu vertiefen. Europa ist der Kontinent, der am besten geeignet ist, um zu zeigen, wie die Menschheit es vermeiden könnte, sich selbst zu töten. Elon Musk's Träume von der Kolonisierung des Weltraums sind sehr amerikanisch. Die Europäer wissen aus ihrer Geschichte, dass Migration hier auf der Erde stattfindet und dass sich Körper nicht in Luft auflösen. Hier muss Europa Nein zu Thanatos sagen. Die Geschichte, die in den kommenden Jahren geschrieben werden wird, wird die einer Erfindung sein, die auf den Fehlern und Sackgassen aufbaut, die bei dem, was gebaut wurde, aufgetreten sind. Dies ist vergleichbar mit dem, was die psychoanalytische Erfahrung bietet. Es geht nicht darum, vorab festgelegte Protokolle anzuwenden. Sobald das Interesse an Freudschen Phänomenen geweckt ist, sobald der Glaube an das Unbewusste geweckt ist, dann gehen wir von Hindernis zu Hindernis, wo es, wie Lacan sagt, um Sackgassen geht, können wir Lösungen finden.

 

 

1: Europäisches Forum "Liebe und Hass auf Europa", Mailand, 6. Februar 2019. Davide Tarizzo, Carmine Pacente, Matteo Vegetti, deren Beiträge in dieser Abschlusskonferenz erwähnt werden, waren unter den Gästen. Siehe spezielle Website: http://www.forumeuropeomilano.org/amour-et-haine-pour-leurope-forum-de-milan/

 

2: Ducourtieux C., "Italienisches Budget: Brüssel entschlossen, eine harte Linie zu halten", Le Monde, 17. Oktober 2018.

 

3: Lequesne C., "Der Austritt aus der Europäischen Union ist nicht mehr möglich: die Dynamik von Brexit", in Badie B.Vidal D.(dir.), Die Rückkehr der Populismen. L'état du monde 2019, La Découverte, Paris, 2018.

 

4: "Faschist", "Idiot": Moscovici erhebt seine Stimme gegen einen rechtsextremen italienischen Abgeordneten", Le Monde, 29. Oktober 2018.

 

5: Siehe Lacan J., Le Séminaire, livre I, Les écrits techniques de Freud, Paris, Seuil, 1975, S. 297-298.

 

6: Siehe Miller J.-A., "L'orientation lacanienne.L'Un-tout- seul" (2010-2011), Vortrag in der Psychoanalyseabteilung der Universität Paris VIII, unveröffentlicht.

 

7: Miller J.-A., "L'orientation lacanienne. Extimity", Vortrag im Rahmen der Abteilung für Psychoanalyse der Universität Paris VIII, Lektion vom 27. November 1985, unveröffentlicht.

 

8: Freud sprach bereits 1897 mit Fliess über seine ersten Erkenntnisse aus der sogenannten Selbstanalyse. In seinen Notizen zur Standardausgabe für Totem und Tabu notiert Strachey den Brief an Fliess vom 4. Juli 1901, in dem Freud, der die Zeitungen liest, zu den Entdeckungen von Knossos Stellung nimmt: "Hast du gelesen, dass die Engländer einen alten Palast auf Kreta (in Knossos) exhumiert haben, den sie als das wahre Labyrinth der Minos betrachten? Es scheint, dass Zeus ursprünglich ein Stier war. Ebenso wäre unser alter Gott zuerst als Stier verehrt worden, bevor die Perser die Sublimierung durchführten. Es gibt hier viele Dinge zu bedenken, über die wir noch nicht schreiben können......."(Freud S., Briefe an Wilhelm Fliess, 1887-1904, Presses Universitaires de France, 2006, S. 562).

 

9: Siehe Lacan J., Le Séminaire, livre XX, Encore, Text erstellt von J.-A. Miller, Paris, Seuil, 1975, S. 84.

 

10: Miller J.-A., "Violent Children", Abschluss des 4. Tages des Children's Institute, in Dupont L. & Roy D.(s/dir.), Nach der Kindheit, Aktuelle Arbeiten des Kinderinstituts, Navarin, 2017.

 

11 : Lacan J., Le Séminaire, livre XXIV, "L'insu que sait de l'une bévue s'aile à mourre", Lektion vom 10. Mai 1977, Ornicar ?, n°17-18, Paris, Navarin, 1979, S. 18.

 

12: Laurent É., "L'étranger extime, I", Lacan Quotidien, Nr. 770, 22. März 2018, Online-Publikation (www.lacanquotidien.fr).

 

13 : Lacan J., Le Séminaire, livre XXIV, "L'insu que sait de l'une bévue s'aile à mourre", Text erstellt von J.-A. Miller, Lektion vom 10. Mai 1977, Ornicar ?, n°17-18, Paris, Navarin, 1979, S. 17.

 

14: Siehe Lacan J., Le Séminaire, livre XX, Encore, Seuil, 1975, S. 133.

 

Text der Abschlussintervention anlässlich des europäischen Forums "Liebe und Hass auf Europa", Mailand, 16. Februar 2019.

 

Übersetzt aus Lacan Quotidien N° 821 & 822 von Norbert Leber